Gänsegeier in Deutschland: Dutzende Sichtungen und seltener Angriff auf Storchennest
Wenn sprichwörtlich „schon die Geier kreisen“, ist das für abergläubische Menschen kein gutes Zeichen. Zurzeit ist das ganz wörtlich zu nehmen: Laut dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sind immer mehr Geier über Deutschland unterwegs. Nachdem es im April und Mai einzelne Vögel gesichtet worden waren, seien seit vergangenem Wochenende „mehr als ein Dutzend der großen Aasfresser“ eingeflogen.
Den Angaben zufolge sind die Tiere nahezu zeitgleich unter anderem im Karwendelgebirge bei Mittenwald, am Ammersee nahe München, im Raum Stuttgart, am hessischen Edersee, in Sachsen und Thüringen, bei Hannover, in der brandenburgischen Prignitz und bei Segeberg beobachtet worden. Noch fehlten sichere Indizien, woher sie kommen, sagt Nabu-Vogelexperte Martin Rümmler in einer Mitteilung, „aber höchstwahrscheinlich stammen sie aus Spanien oder Frankreich.“
Geier auf Nahrungssuche
Geiereltern müssten zur jetzigen Jahreszeit ihren aktuellen Nachwuchs versorgen und legen auf ihren Erkundungstouren auch weite Strecken zurück: pro Tag mühelos zwischen 300 und 400 Kilometern. „Sie verlassen daher die angestammten Gebiete und fliegen dabei im Extremfall auch bis zu uns.“ Die Tiere suchten hierzulande also nach Nahrung, nicht nach neuen Revieren. In wenigen Tagen oder Wochen würden die Tiere so plötzlich verschwinden, „wie sie gekommen sind“, heißt es vom Naturschutzbund.
Störche müssen sich in Acht nehmen
Bis dahin könnten die Tiere noch für den ein oder anderen Zwischenfall sorgen. Wie im Dorf Klein Lobke in der Region Hannover, wo ein Gänsegeier zu einer Attraktion geworden ist: Dort hat das Tier ein Storchennest attackiert, die Elterntiere vertrieben und die Jungstörche gefressen, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet. „Die beiden großen Störche haben versucht, es zu verhindern, hatten aber keine Chance“, berichtet Sabine Kleinert, auf deren Hof das Storchennest steht. „Wir waren todunglücklich.“
Normalerweise würden sich die Gänsegeier von Aas ernähren, teilt der Nabu mit. „Diese Attacke ist absolut außergewöhnlich“, sagt Pressesprecher Helge May, „dieser Geier hatte wohl großen Hunger.“ Aus Frankreich sei gerade von einem ähnlichen Fall berichtet worden, bei dem ein Gänsegeier den fast flüggen Storchennachwuchs aus einem Nest erbeutet hat.
Rund ein Dutzend Ornithologen und Naturfotografen sind der dpa zufolge nach Klein Lobke gekommen. Manch Vogelexperte vor Ort vermutete, das Nest sei schon aufgegeben gewesen und die Jungstörche seien bereits tot gewesen. Dem widerspricht Kleinert: „Die Weißstörche haben ihren Nachwuchs bis zuletzt versorgt. Und dann kam der Geier.“
Nach etwa zwei Tagen hat der Gänsegeier den Berichten zufolge den Abflug gemacht. Danach seien die beiden Weißstörche wieder zu ihrem Nest zurückgekehrt.
Erkennungsmerkmale und Verhalten
Laien könnten die Tiere gut erkennen, teilte der Nabu mit: an ihrem typischen nackten Hals. Drei bis vier Wochen könnten sie ohne Probleme ohne Nahrung auskommen, danach werde es aber kritisch. Wer geschwächte Geier sehe, die sich länger regungslos an einem Ort aufhielten, solle die Naturschutzbehörden oder die örtliche Nabu-Gruppe informieren.



