Archäologen haben in der neolithischen Siedlung bei Vráble in der Slowakei einen außergewöhnlichen Fund gemacht: 77 menschliche Skelette, denen ausnahmslos der Kopf fehlt. Die Entdeckung wirft neue Fragen zu den Bestattungspraktiken und sozialen Ritualen der Linearbandkeramischen Kultur auf, die vor rund 7000 Jahren in dieser Region lebte.
Die Ausgrabungsstätte Vráble: Ein bedeutendes archäologisches Zeugnis
Die Ausgrabungen in Vráble zählen zu den bedeutendsten archäologischen Untersuchungen der sogenannten Linearbandkeramischen Kultur. Die Fundstätte umfasst mehr als 300 nachgewiesene Hausgrundrisse, die sich auf drei Siedlungsbereiche verteilen. Schätzungen zufolge waren zeitweise bis zu 80 Gebäude gleichzeitig bewohnt. Die Besiedlung bestand über mehrere Jahrhunderte hinweg und datiert ungefähr in den Zeitraum zwischen 5250 und 4950 v. Chr. Seit dem Jahr 2022 erhöhte sich die Zahl der entdeckten Skelette auf insgesamt 78 Individuen. Besonders bemerkenswert ist, dass 77 dieser Bestatteten ohne Schädel aufgefunden wurden. Lediglich die Überreste eines Kindes waren vollständig erhalten und wurden in regulärer Form innerhalb der Siedlung bestattet.
Fachkundige Entfernung der Schädel: Kein Massaker, sondern Ritual?
Entgegen einer naheliegenden ersten Interpretation gehen die Forscher nicht von gewaltsamen Enthauptungen aus. Vielmehr betont Katharina Fuchs, Mitautorin der Studie und biologische Anthropologin am Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität Kiel, dass die Schädel offenbar gezielt und fachkundig von den Körpern getrennt wurden. Aus welchem Grund diese Eingriffe vorgenommen wurden, lässt sich bislang jedoch nicht eindeutig beantworten. Erste anthropologische Analysen deuten darauf hin, dass zwischen dem Tod der betreffenden Personen und ihrer Niederlegung nur ein vergleichsweise kurzer Zeitraum lag.
Hypothesen und weiterführende Forschung
Eine der von den Wissenschaftlern diskutierten Hypothesen besagt, dass die Schädel nach ihrer Entfernung separat aufbewahrt wurden. Obwohl für die Fundstelle in Vráble bislang keine direkten Belege für eine solche Praxis vorliegen, ist ein vergleichbares Vorgehen aus anderen prähistorischen Gesellschaften bekannt. Auffällig ist zudem, dass Massengräber, Niederlegungen menschlicher Überreste in Siedlungsgräben sowie gezielte Manipulationen an Leichnamen an zahlreichen Fundorten gegen Ende der Linearbandkeramischen Kultur nachgewiesen wurden. Nach Einschätzung des Mitautors Nils Müller-Scheeßel könnten die Niederlegungen von Leichnamen und einzelnen Körperteilen Teil komplexer, kulturell bedeutsamer und wiederkehrender Rituale gewesen sein. Die aktuelle Untersuchung bildet daher den Ausgangspunkt für weiterführende Analysen im Rahmen des Forschungsprojekts „Neolithic Bodies“. Gegenwärtig untersuchen die beteiligten Wissenschaftler die geborgenen Knochen detailliert, um das Sterbealter und das biologische Geschlecht der Individuen zu bestimmen sowie die Schnittspuren an den Halswirbeln genauer zu analysieren.



