Nicht nur Verwandte teilen ähnliche Mikroben: Vor allem die Menschen in unserem Haushalt prägen unsere Körperflora. Das zeigt eine neue Studie der Universität Trient. Für die Übertragung von Mikroorganismen ist Verwandtschaft offenbar weniger entscheidend als der geteilte Alltag. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Cell Press Blue“ veröffentlicht.
Haushaltsmitglieder teilen Darm- und Mundmikroben
Ein Team um Vitor Heidrich von der Universität Trient analysierte Daten von 430 Menschen aus 207 Haushalten in Italien und Fidschi. Sie bestimmten, welche Bakterienstämme die einzelnen Personen in Darm und Mund trugen. Das Ergebnis: Menschen, die in einem Haushalt leben, teilen im Durchschnitt 19 Prozent ihrer Darmmikrobenstämme und 26 Prozent ihrer Mundmikroben. Bei Personen aus unterschiedlichen Haushalten lagen diese Werte deutlich niedriger – bei sechs Prozent im Darm und praktisch bei null im Mund.
Küssen als Schlüsselfaktor für das orale Mikrobiom
Eine Ausnahme sticht besonders hervor: Paare. Bei ihnen stimmten die Mikroben im Mund im Durchschnitt zu 44 Prozent überein. Die Forschenden führen das vor allem auf den Speichelaustausch beim Küssen zurück. In der Studie heißt es, intime Kussgewohnheiten seien offenbar „ein Schlüsselfaktor für die Ausprägung eines gesunden oralen Mikrobioms“. Die Mundflora reagiert darauf deutlich; die Darmflora dagegen blieb von Liebesbeziehungen weitgehend unbeeindruckt.
Gesundheitliche Bedeutung des Mikroben-Austauschs
Die Studie führt zu einer größeren Frage: Welche gesundheitliche Bedeutung hat es, wenn Mikroben im Alltag von Mensch zu Mensch wandern? „Mit wem wir unser Zuhause teilen, kann einen enormen Einfluss auf unser Mikrobiom haben – was wiederum potenzielle Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat“, wird Erstautor Heidrich in einer Mitteilung des Verlags zitiert. Denn einige der besonders leicht übertragbaren Darmmikroben stehen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes in Verbindung. Im Mund fanden sich zudem übertragbare Mikrobenarten, die mit Darmkrebs assoziiert werden. Die Studie zeigt zunächst Zusammenhänge, keine einfachen Ursache-Wirkungs-Ketten. Sie macht jedoch deutlich, dass der menschliche Körper seiner sozialen Umgebung stärker ausgesetzt ist, als man gemeinhin annimmt.
Langfristige Perspektiven für die Medizin
Langfristig könnten solche Erkenntnisse medizinisch relevant werden. Die Forschenden hoffen, Mikrobiom-Behandlungen präziser zu machen – etwa Stuhltransplantationen, bei denen Bakterien aus dem Stuhl gesunder Spender auf Menschen mit geschädigter Darmflora übertragen werden. Solche Verfahren könnten, sagt Heidrich, „wesentlich effektiver“ werden, wenn man besser verstehe, welche Eigenschaften manche Mikroben besonders übertragbar machen.



