Waschbären in Deutschland: Bedrohung oder Sündenbock?
Waschbären: Bedrohung oder Sündenbock?

In Deutschland leben schätzungsweise mehr als zwei Millionen Waschbären. Die Tiere sind nahezu flächendeckend verbreitet, und ihre Bestände steigen stetig. Das führt zu einer hitzigen Debatte: Soll der Waschbär intensiver bejagt werden, um heimische Arten zu schützen, oder wird er zu Unrecht zum Sündenbock gemacht?

Rekord bei der Waschbärjagd

Der Deutsche Jagdverband (DJV) meldete für das Jagdjahr 2024/25 einen Rekord: 284.220 Waschbären wurden erlegt. Das ist etwa doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor und zehnmal mehr als vor 20 Jahren. Die steigenden Abschusszahlen spiegeln die wachsende Population wider, aber auch den zunehmenden Druck auf Jäger, die Tiere zu dezimieren.

Dorian Dörge, Biologe vom Forschungsprojekt Zowiac der Universität Frankfurt, fordert eine intensive Bejagung: „Wir können nicht länger abwarten. Der Waschbär muss so stark dezimiert werden, dass er gefährdete Arten nicht mehr bedrohen kann. Je länger man damit wartet, desto höher wird der Preis, den man dafür zahlen muss.“ Er verweist auf Schäden, die Waschbären anrichten, etwa durch das Plündern von Nestern bodenbrütender Vögel, das Fressen von Amphibien und Reptilien sowie das Ausräumen von Nistkästen.

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Zweifel an der wissenschaftlichen Basis

Doch nicht alle Experten teilen diese Einschätzung. Berit Michler, Wildtier-Biologin am Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde, sieht eine Kampagne gegen Waschbären: „Hier werden vermeintliche Probleme, die extrem kompliziert und seit vielen Jahren gewachsen sind, auf eine Art projiziert.“ Der Waschbär werde zum Sündenbock gemacht. Sie betont, dass es keine wissenschaftliche Studie gebe, die einen langfristigen Einfluss des Waschbären auf eine heimische Art belege.

Johannes Lang, Wildbiologe an der Universität Gießen, pflichtet bei: „Der wissenschaftlich belastbare Kenntnisstand ist sehr schwach. Dafür bräuchte man sehr aufwendige Untersuchungen, und das hat man bisher nicht gemacht.“ Er weist darauf hin, dass Amphibien etwa 30 verschiedene Fressfeinde hätten, darunter Störche, Reiher, Fischotter und Ratten. Auch Vogelnester würden von vielen anderen Arten geplündert, wie Baummardern, Hauskatzen und Eichhörnchen.

Nahrungsspektrum der Waschbären

Waschbären sind Nahrungsopportunisten. Laut Michler machen Wirbellose wie Regenwürmer und Schnecken im Jahresmittel etwa die Hälfte ihrer Nahrung aus. Pflanzen stellen etwa 30 Prozent, Wirbeltiere die übrigen 20 Prozent. Der tägliche Futterbedarf eines Tieres liegt zwischen 200 und 400 Gramm. Dörge hingegen betont, dass Waschbären in großer Zahl eine Gefahr für Ökosysteme darstellten: „Gerade in großer Zahl sind Waschbären eine Gefahr für Ökosysteme. Dagegen müssen wir etwas tun.“

Schutzmaßnahmen statt flächendeckender Bejagung

Lang plädiert für gezielte Schutzmaßnahmen anstatt einer flächendeckenden Dezimierung, die seiner Meinung nach „an jeder Realität vorbeigeht“ und „völlig aussichtslos“ ist. Stattdessen sollten Areale mit bedrohten Arten gezielt geschützt werden, etwa durch Klettermanschetten an Bäumen mit Storchennestern oder durch Zäune um Gewässer mit Amphibien. Als Positivbeispiel nennt er das Naturschutzgebiet Bingenheimer Ried im hessischen Wetterau-Kreis, wo nach der Errichtung von Schutzzäunen die Bestände von Kiebitzen und anderen Vögeln sowie Amphibien wieder anstiegen.

Dörge hingegen fordert Ausgleichszahlungen für Jäger, die Waschbären erlegen, da der Aufwand beträchtlich und teuer sei. „Diese Arbeit sollte adäquat entlohnt werden“, sagt er. Michler hält dagegen, dass Jagd zwar legitim sei, aber kein Selbstzweck sein dürfe. Der Erfolg müsse kontrolliert werden – also ob gefährdete Arten dadurch tatsächlich geschützt würden.

Verbreitung und Dichte

Die Waschbärenpopulation in Deutschland hat historische Hotspots: Am Edersee in Nordhessen wurden bereits 1934 Zuchtpaare ausgesetzt. Östlich von Berlin entkam am Ende des Zweiten Weltkriegs eine zweite Gründerpopulation aus einer Pelztierfarm. Beide Regionen sind bis heute Zentren der Waschbärverbreitung. Im Raum Kassel wird die Maximaldichte mit etwa 0,4 Individuen pro Hektar angegeben, im Stadtgebiet sogar 1,2. In Teilen Brandenburgs ist die Dichte nur wenig niedriger.

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Die Debatte um den Waschbären zeigt, wie schwierig es ist, invasive Arten zu managen. Während die einen auf intensive Bejagung setzen, plädieren andere für gezielten Schutz bedrohter Arten. Lang fasst zusammen: „Lokal begrenzt kann eine intensive Jagd auf Waschbären eine Lösung sein. Aber dazu muss man sie vorher eindeutig als Problem identifiziert haben.“