Die Waschbärpopulation in Deutschland wächst stetig, ebenso wie die Zahl der erlegten Tiere und der Unmut über verursachte Schäden. Dennoch plädieren einige Fachleute gegen eine intensive Bejagung und erklären die Gründe.
Waschbären: Putzige Eindringlinge mit dunkler Seite
Für manche sind sie putzige Zeitgenossen mit dunkler Augenmaske, für andere bedrohen sie heimische Arten. Seit fast 100 Jahren gibt es Waschbären (Procyon lotor) in Deutschland, inzwischen sind sie flächendeckend verbreitet bei steigender Dichte. Mit geschätzt über zwei Millionen Individuen zählen die bis zu einem Meter langen und knapp zehn Kilogramm schweren Tiere zu den häufigsten wildlebenden Raubsäugern, sagt Dorian Dörge vom Forschungsprojekt Zowiac der Universität Frankfurt. Mit der kontinuierlichen Zunahme der Bestände steigen auch die angerichteten Schäden, betont er.
Ruf nach intensiver Bejagung
„Wir können nicht länger abwarten“, sagt der Biologe und fordert eine intensive Bejagung. „Der Waschbär muss so stark dezimiert werden, dass er gefährdete Arten nicht mehr bedrohen kann. Je länger man damit wartet, desto höher wird der Preis, den man dafür zahlen muss.“ Diese Forderung ist unter Fachleuten jedoch nicht konsensfähig.
Die Wildtier-Biologin Berit Michler vom Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde spricht von einer Kampagne gegen Waschbären. „Hier werden vermeintliche Probleme, die extrem kompliziert und seit vielen Jahren gewachsen sind, auf eine Art projiziert.“ Der Waschbär werde zum Sündenbock gemacht.
Dünne Datenlage zu ökologischen Folgen
Die Positionen sind kaum vereinbar, beide Seiten werfen sich gegenseitig mangelnde Wissenschaftlichkeit vor. Angesichts der aufgeheizten Debatte ist die Datenlage zu den ökologischen Folgen von Waschbären überraschend dünn. „Der wissenschaftlich belastbare Kenntnisstand ist sehr schwach“, stellt der Wildbiologe Johannes Lang von der Universität Gießen fest. „Dafür bräuchte man sehr aufwendige Untersuchungen, und das hat man bisher nicht gemacht.“
Verbreitung und Dichte der Waschbären
Der dämmerungs- und nachtaktiven Art aus der Familie der Kleinbären (Procyonidae) kann man hierzulande vielerorts begegnen: auf Feldern, im Wald, in Schrebergärten und mitten in Großstädten. „Waschbären sind durchgehend verbreitet, aber in sehr unterschiedlicher Dichte“, sagt Lang. Insbesondere im Süden von Bayern und Baden-Württemberg sei die Zahl der Tiere noch gering.
Dass die Bestände in Deutschland steigen, ist Konsens. Im Raum Kassel ist die Maximaldichte wohl schon erreicht: Dort gebe es rechnerisch etwa 0,4 Individuen pro Hektar, sagt Dörge. Im Stadtgebiet seien es sogar 1,2. Das hat historische Gründe: Am nordhessischen Edersee wurden bereits im April 1934 Zuchtpaare ausgesetzt. Nur wenig niedriger ist die Waschbärdichte in Teilen Brandenburgs, wo am Ende des Zweiten Weltkriegs Tiere aus einer Pelztierfarm entkamen.
Rekord bei der Waschbärjagd
Die Bejagung der Tiere nimmt zu: Der Deutsche Jagdverband (DJV) meldete einen Rekord: Im Jagdjahr 2024/25 wurden 284.220 Waschbären erlegt – etwa doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor und zehnmal mehr als vor 20 Jahren.
Der Biologe Dörge betont, Waschbären seien eine zunehmende Bedrohung für heimische Arten – von Vögeln über Amphibien und Reptilien bis zu Fledermäusen. Sie plünderten Nester von Bodenbrütern wie Rebhühnern, durchstreiften Uferdickicht auf der Suche nach Schwimmnestern, erkletterten Bäume und Gebäude für Horste von Weiß- und Schwarzstörchen und machten vor Baumhöhlen und Nistkästen nicht halt. Bei Amphibien schälten sie bei Erdkröten die giftige Haut ab, fraßen Feuersalamander, Gelbbauchunken und Sumpfschildkröten. „Die plündern ganze Kolonien rigoros“, sagt er.
Differenzierte Betrachtung gefordert
Die Eberswalder Biologin Michler plädiert für einen differenzierten Blick. Waschbären seien Nahrungsopportunisten. „Sie fressen das, was viel und leicht verfügbar ist.“ Das könne Streuobst, Bucheckern, Eicheln, Insekten, Würmer, Mäuse sowie junge Vögel und Amphibien sein. Allerdings machten Wirbellose wie Regenwürmer und Schnecken im Jahresmittel etwa die Hälfte der Nahrung aus, Pflanzen etwa 30 Prozent und Wirbeltiere die restlichen 20 Prozent. Der tägliche Futterbedarf liege zwischen 200 und 400 Gramm.
Michler betont, Amphibien hätten etwa 30 verschiedene Fressfeinde, darunter Störche, Reiher, Kraniche, Fischotter oder Ratten. Vogelnester würden auch von Baummardern, Hauskatzen und Eichhörnchen geplündert. Die Rolle des Waschbären werde übertrieben. „Es gibt keine wissenschaftliche Studie, die einen langfristigen Einfluss des Waschbären auf eine heimische Art belegt“, betont sie.
Ausgleichszahlungen für Jäger gefordert
Dörge nennt ein weiteres Argument: Entscheidend sei nicht nur das Verhalten der Waschbären, sondern vor allem ihre zunehmenden Bestände. „Gerade in großer Zahl sind Waschbären eine Gefahr für Ökosysteme“, sagt er. „Dagegen müssen wir etwas tun.“ Die Tiere müssten ganzjährig bejagt werden. „Jeder Waschbär, der nicht mehr da ist, kann sich nicht mehr fortpflanzen.“
Der Aufwand für eine Bejagung ist beträchtlich und teuer. Die Tiere werden zunächst mit Kasten-Lebendfallen gefangen und dann getötet, sofern es kein säugendes Muttertier ist. Einen materiellen Nutzen hätten Jäger nicht, sagt Dörge, und plädiert für Ausgleichszahlungen. „Diese Arbeit sollte adäquat entlohnt werden.“
Jagd sei zwar legitim, sagt Michler, dürfe aber kein Selbstzweck sein. Letztlich müsse der Erfolg kontrolliert werden – ob gefährdete Arten dadurch tatsächlich geschützt würden.
Lokaler Schutz statt flächendeckender Jagd
Für den Gießener Biologen Lang steht fest, dass Waschbären das Potenzial haben, bedrohten Arten zuzusetzen. Doch die Forderung nach flächendeckender Dezimierung gehe „an jeder Realität vorbei“. „Dafür ist es zu spät, das ist völlig aussichtslos.“ Er plädiert dafür, Areale mit bedrohten Arten gezielt zu schützen – etwa durch Klettermanschetten an Bäumen mit Schwarzstorchnestern oder Zäune um Gewässer mit bedrohten Amphibien. Als positives Beispiel nennt Lang das Naturschutzgebiet Bingenheimer Ried, wo nach der Errichtung von Schutzzäunen die Kiebitzbestände und andere Vogel- und Amphibienarten zunahmen. Zum Schutz von Arten in großräumigen Arealen will Lang eine Bejagung nicht grundsätzlich ausschließen. „Lokal begrenzt kann eine intensive Jagd auf Waschbären eine Lösung sein“, sagt er. „Aber dazu muss man sie vorher eindeutig als Problem identifiziert haben.“



