Heiko Möller (49) saß vor Monitoren in einer Bahn-Leitstelle, als um 23 Uhr die erste Meldung über den Zugfunk-Ausfall einging. Dann begannen Stunden voller Stress, Schweiß und Hektik pur. Seit 14 Jahren arbeitet Möller für die Südwestdeutsche Landesverkehrs-GmbH (SWEG) und koordiniert in der Leitstelle in Gammertingen (Baden-Württemberg) die Züge, Lokführer und Fahrzeuge. Wie alle anderen Bahnunternehmen muss auch die SWEG das Funksystem GSM-R nutzen, für dessen Betrieb die Infrastrukturgesellschaft „DB InfraGO AG“ der Deutschen Bahn zuständig ist.
„So ein Chaos noch nie erlebt“
Möller sagt: „Ein solches Chaos aufgrund eines technischen Fehlers habe ich noch nie erlebt. So etwas macht man wohl nur einmal im Leben mit.“ Als am Dienstagabend der Bahnfunk ausfiel und der Zugverkehr rund 90 Minuten stillstand, wurde die SWEG-Leitstelle zum Krisenzentrum. „Unser erster Gedanke war, dass ein Fahrzeug ein Problem hat“, erzählt Möller. Doch schnell wurde klar: Das Problem war gigantisch. „Immer mehr Lokführer haben angerufen und gesagt, dass ihr Zugfunk-System GSM-R nicht mehr funktioniert. Da war klar: Das Problem liegt nicht an unseren Fahrzeugen, sondern an der Technik.“
Telefone liefen heiß – Züge strandeten
In der Leitstelle liefen die Telefone heiß. Möller und seine Kollegen mussten ständig Entscheidungen treffen, Fahrzeuge umplanen und Lokführer informieren. Als der Zugverkehr heruntergefahren werden sollte: „Die Züge sollten noch bestimmte Punkte anfahren und dort enden. Viele kamen gar nicht mehr an ihr Ziel und mussten kurzfristig an anderen Orten abgestellt werden. Deshalb fehlten später überall Fahrzeuge, und Verbindungen fielen aus.“
Auch Lokführer strandeten. Möller erinnert sich: „Wir mussten Züge außerplanmäßig abstellen. Für unsere Lokführer benötigten wir plötzlich Taxis.“ Doch die waren kaum zu bekommen: „Überall waren gestrandete Fahrgäste. Die Taxiunternehmen waren komplett ausgelastet.“ Kollegen holten die Lokführer schließlich ab.
Auswirkungen auf Fahrgäste und Forderung nach Backup
In Ballungszentren fuhren auch keine S-Bahnen, ein Zug sollte nach Tübingen fahren. Doch zusätzlich zum Funkausfall gab es dort Stellwerksprobleme: „Wir mussten den Zug vorzeitig in Dußlingen wenden.“ Rund 40 Fahrgäste mussten aussteigen. Möller konnte ein Busunternehmen erreichen und sorgte dafür, dass die Menschen wenigstens in die Stadt kamen. Nach Feierabend blieb er noch länger, um den Kollegen der Frühschicht zu helfen.
Für Möller müssen Konsequenzen folgen: „Wenn ein solches System ausfällt, muss eine Backup-Ebene greifen.“ Er vergleicht es mit einem Krankenhaus: „Wenn dort der Strom ausfällt, springt ein Notstromaggregat an. So etwas braucht man auch für den Bahnverkehr in Deutschland.“



