Ein flächendeckender Ausfall des digitalen Bahnfunksystems GSM-R hat am späten Dienstagabend den gesamten Zugbetrieb in Deutschland zum Erliegen gebracht. Tausende Reisende saßen in Zügen und an Bahnhöfen fest, der Fern-, Regional- und Güterverkehr war betroffen. Ab 0.30 Uhr rollte der Verkehr nach und nach wieder an, doch die Ursachenermittlung läuft noch.
GSM-R: Über 20 Jahre alter Standard fällt aus
GSM-R (Global System for Mobile Communications – Railway) ist ein digitales Funksystem, das die Kommunikation zwischen Leitstellen und Lokführern ermöglicht. Es ist über 20 Jahre alt und laut Bahn weiterhin europäischer Standard. Ein Nachfolgesystem (FRMCS) existiert bereits, hat aber noch keine EU-Zulassung und soll erst in den kommenden Jahren ausgerollt werden.
Bei Wartungsarbeiten an einer Kernkomponente des Bahnfunks sei ein Fehler aufgetreten, erklärte Philipp Nagl, Chef der DB InfraGo. Bevor die Rückfallebenen hätten genutzt werden können, habe man die Ursache finden müssen. Ein Cyberangriff wird ausgeschlossen. Die genaue Fehlerursache wird noch untersucht.
Chaos an Bahnhöfen: Gestrandete Reisende und mangelnde Kommunikation
In der Nacht bildeten sich lange Schlangen an Bahnhofsinformationen. Viele Reisende konnten keine Hotelzimmer mehr buchen, etwa in Frankfurt. Die Bahn gab Taxi- und Hotelgutscheine aus. Die Kommunikation mit den Fahrgästen mangelte: Ein ICE nach Mannheim und Stuttgart fuhr am Frankfurter Hauptbahnhof fast leer ab, ohne die Wartenden zu informieren. Auch am Berliner Hauptbahnhof gab es laut Fahrgästen keine Auskünfte.
Politik fordert Aufklärung und Modernisierung
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) forderte eine umfassende Aufklärung. „Sollte es sich um Probleme mit Hardware-Komponenten oder um ein Problem beim Update eines Servers handeln, muss die Bahn ihre Systeme so aufstellen, dass sich das nicht wiederholt“, sagte er der dpa. Der Vorfall kam für Bahnchefin Evelyn Palla zur Unzeit, die am Morgen bereits im Verkehrsausschuss zur Verschiebung von Stuttgart 21 aussagen musste.
Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses, Tarek Al-Wazir (Grüne), betonte: „GSM ist das, was man heute 2G nennen würde, und wir sind ja gerade beim Übergang von 5G auf 6G. Natürlich ist für uns die spannende Frage eher langfristig: Wie sorgen wir dafür, dass unsere Systeme widerstandsfähiger werden?“ Ähnlich äußerte sich Detlef Neuß, Vorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn: „Die Bahn muss endlich besser werden, auch technisch. Wir erwarten von der Bahn, dass sie auch beim Zugfunk für mehr Resilienz sorgt.“
Güterverkehr: Logistik-Stau wird Tage dauern
Während der Personenverkehr am Morgen weitgehend planmäßig lief, kämpft der Güterverkehr noch mit den Folgen. Neele Wesseln, Geschäftsführerin des Wettbewerberverbands Die Güterbahnen, teilte mit: „Seit Mitternacht rollen zwar vereinzelt wieder Züge. Circa die Hälfte unserer Güterzüge steht aber verteilt im Land und an den Grenzen noch immer still. Es wird Tage dauern, diesen Logistik-Stau abzuarbeiten.“
Regionalverkehr: NRW und Berlin normalisieren sich
In Nordrhein-Westfalen lief der Verkehr am Morgen wieder weitgehend normal. Am Duisburger Hauptbahnhof gab es leichte Verspätungen, in Köln und Düsseldorf war der Betrieb völlig normal. In Berlin rollte die S-Bahn ohne größere Einschränkungen. Das Unternehmen teilte auf X mit: „Bisher sind keine größeren Verspätungen mehr feststellbar. Hoffen wir, dass es so bleibt.“
NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) forderte eine „lückenlose Aufklärung“. „Es kann nicht sein, dass wegen des Ausfalls eines Systems Zehntausende Menschen die Nacht in Zügen und Bahnhöfen verbringen müssen“, sagte er der dpa. Er kritisierte auch das Notfallmanagement und forderte Notfallmechanismen, die ein solches Desaster in Zukunft vermeiden.



