Die Schließung von Geburtsstationen in Brandenburg kann nach Ansicht des Hebammenverbandes erhebliche Gesundheitsrisiken für Schwangere mit sich bringen. Die Ausdünnung der Krankenhauslandschaft führe zu längeren Anfahrtswegen und einem erhöhten Risiko für ungeplante Geburten außerhalb von Kliniken, sagte die zweite Vorsitzende des Verbandes, Antje Schulz, der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
Potsdamer St. Josefs-Krankenhaus stellt Geburtshilfe ein
In Potsdam ist die Geburtshilfe am St. Josefs-Krankenhaus bereits seit Freitag vom Netz. Das Krankenhaus hatte Anfang vergangener Woche die Schließung zum 1. August in Folge der Krankenhausreform angekündigt. Danach überschlugen sich die Ereignisse: Wegen vermehrter Krankmeldungen in der Belegschaft musste zunächst die Babyklappe, am Freitag dann die ganze Station vom Netz genommen werden.
Gegen die Schließung gibt es Proteste. Eine Petition zur Rettung der Geburtsstation haben mittlerweile mehr als 17.300 Menschen unterschrieben. Eine zweite Petition warnt vor der Versorgungslücke für Endometriose-Betroffene. Bei der chronischen Krankheit kommt gebärmutterähnliches Gewebe an anderen Orten im Körper vor, was oft mit Schmerzen verbunden ist. Das Josefs-Krankenhaus ist als Endometriosezentrum zertifiziert. Für den Erhalt unterschrieben bis Sonntag mehr als 1100 Menschen. Für Freitag (17. Juli) ruft die Stadtverordnetenfraktion der Linken zur Demonstration am Bassinplatz gegen Schließungen an Potsdamer Kliniken auf.
Bereits mehrere Kreißsäle in Brandenburg geschlossen
Krankenhäuser in Ludwigsfelde, Strausberg und Forst haben ihre Kreißsäle bereits geschlossen. Aus Sicht des Hebammenverbandes kann die Entwicklung dazu führen, dass Frauen künftig zu früh in den Kreißsaal kommen und dies einen natürlichen Geburtsprozess beeinflusst. „Unter Umständen suchen die Familien aus Sorge, es nicht rechtzeitig zu schaffen, viel zu früh die Geburtsklinik auf und trauen sich dann auch nicht noch einmal zurück nach Hause. Nachweislich erhöht eine zu frühe Aufnahme in den Kreißsaal aber die Interventionskaskade“, sagte Hebamme Schulz. Damit ist gemeint, dass ein medizinischer Eingriff in eine Geburt häufig weitere Folgeeingriffe nötig machen kann.
Mehrbelastung für verbleibende Kliniken
Zudem steige die Belastung andernorts. „Hebammen in den verbleibenden Kliniken werden ad hoc den Mehraufwand auffangen und die Geschäftsführung gegebenenfalls langwierig von zusätzlichem Personalbedarf überzeugen müssen“, so Schulz. Ihrer Ansicht nach ist ein Kreißsaal für Hebammen nicht nur ein Arbeitsplatz, der verloren geht, sondern wie eine zweite Familie. Aber recht schnell müsse die Hebamme klären, „wie sie wo zukünftig ihr Geld verdienen kann“ und ob etwa der Weg zur nächstgelegenen Klinik machbar sei.
Emotionale Faktoren bei der Wahl des Geburtsortes
Die emotionalen Faktoren bei der Wahl des Kreißsaals beschreibt die Hebamme so: „Hier bin ich geboren. Das ist meine Heimat. Hier komme ich her. Das steht in meiner Geburtsurkunde.“ Dieses absolut menschliche Bedürfnis nach Identität finde beim Abbau von Versorgungsnetzwerken wenig Berücksichtigung. „Und kaum eine Entscheidung überlegen sich Menschen so gut wie die, wo und wie ihr Kind geboren werden soll.“
Kommunales Klinikum betont Sicherstellung der Geburtshilfe
Potsdams kommunales Klinikum Ernst von Bergmann betonte, dass die Geburtshilfe in Potsdam verlässlich sichergestellt sei. „Unser gesamtes Team bereitet sich intensiv auf die kommenden Veränderungen vor“, hieß es in einer Mitteilung. Auf weitere Fragen, etwa ob Personal aufgestockt wird, antwortete das Unternehmen bislang nicht. Über die sozialen Medien bot das Bergmann-Klinikum „zusätzliche Termine in der Hebammensprechstunde sowie für die ärztliche Geburtsplanung“ an.



