Gisèle Pelicot: Ein Jahr nach dem weltweit beachteten Avignon-Prozess
Gut ein Jahr nachdem ihr Ex-Mann Dominique Pelicot zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde, spricht Gisèle Pelicot erstmals öffentlich über ihre Erfahrungen. Der Prozess in Avignon hatte international für Aufsehen gesorgt, nachdem bekannt wurde, dass Dominique Pelicot seine Ehefrau über fast ein Jahrzehnt hinweg betäubt und vergewaltigt hatte – zusammen mit mehr als 70 weiteren Männern. 50 dieser Männer wurden ebenfalls zu Haftstrafen verurteilt.
„Ich bin wieder eine glückliche Frau“
Im Gespräch mit der SPIEGEL-Korrespondentin Britta Sandberg in Paris berichtet die 73-jährige Gisèle Pelicot über ihren aktuellen Zustand: „Ich kann sagen, dass es mir heute besser geht. Ich bin wieder eine glückliche Frau, ich liebe wieder“, erklärt sie entschlossen. „Das zu sagen ist mir wichtig. Trotz aller Dramen darf man noch auf das Glück hoffen, selbst in meinem Alter.“
Pelicot hat ihre Erfahrungen nun in einem Buch verarbeitet und gibt zum ersten Mal Interviews. Sie beschreibt darin nicht nur das Leid, das ihr und anderen angetan wurde, sondern auch ihre Zeit vor Gericht – mit allen absurden Momenten, die selbst in dieser schwierigen Situation vorkamen.
Lachkrämpfe im Gerichtssaal
Überraschend berichtet Pelicot von humorvollen Momenten während des Prozesses: „In all diesen schmerzlichen Momenten mussten wir auch immer wieder lachen, wir hatten einige Lachkrämpfe“, erinnert sie sich. Besonders mit ihrer Tochter habe sie „Tränen gelacht“, etwa als ein Angeklagter aussagte, sein Gehirn habe sich aufgelöst und sein Geschlechtsteil die Führung übernommen.
Diese Fähigkeit, selbst in extremen Situationen Momente der Leichtigkeit zu finden, beschreibt Pelicot als wesentlich für ihre Bewältigung der traumatischen Ereignisse.
Die Quelle ihrer Resilienz
Auf die Frage nach der Quelle ihrer außergewöhnlichen Widerstandskraft antwortet Pelicot: „Ich erkläre es in meinem Buch: Ich denke, ich habe sie von meinen Eltern und Großeltern, vor allem aber von meiner Mutter“. Diese habe trotz einer schweren Krebserkrankung immer ihr Lächeln bewahrt und sich nie beklagt.
„Die Resilienz scheint genetisch veranlagt zu sein. Ich denke, sie liegt bei uns in unserer Familie. Und zum Glück habe auch ich sie“, so Pelicot weiter. Diese innere Stärke habe ihr geholfen, die monatelangen Gerichtsverhandlungen durchzustehen.
Vom Opfer zur Symbolfigur
Durch ihren öffentlichen Auftritt während des Prozesses wurde Gisèle Pelicot zu einer Symbolfigur für Opfer sexualisierter Gewalt. Besonders ihr Satz „Die Scham muss die Seiten wechseln“ fand internationale Beachtung und machte deutlich, dass Opfer häufig eine doppelte Strafe erleiden.
„Ich habe das gesagt, um etwas für die Gemeinschaft zu tun“, erklärt Pelicot. „Alle Opfer tragen in sich die Kraft, Anzeige zu erstatten und sich selbst zu sagen: Ich muss gehört und anerkannt werden.“ Obwohl sie sich nicht als militante Feministin bezeichnet, sieht sie ihren öffentlichen Auftritt als Unterstützung für feministische Kämpfe weltweit.
Der Wunsch nach einem letzten Gespräch
Am Ende ihres langen Weges steht für Gisèle Pelicot noch ein wichtiger Schritt aus: Sie möchte ihren Ex-Mann im Gefängnis besuchen. „Es ist mir wichtig, ihn noch einmal wiederzusehen. Denn ich brauche Antworten“, begründet sie diesen Entschluss.
Die zentralen Fragen, die sie bewegen: „Warum hat er das getan, nach so vielen gemeinsamen Jahren? Wo er doch immer noch sagt, dass ich die Liebe seines Lebens sei.“ Pelicot ist sich bewusst, dass sie diese Antworten möglicherweise nie erhalten wird, betont aber: „Ich brauche sie, auch für meine Tochter. Und ich hoffe, dass er den Anstand besitzt, mir diese Antworten zu geben.“
Ihre Geschichte zeigt nicht nur das Ausmaß sexualisierter Gewalt, sondern auch die erstaunliche Widerstandskraft, die Menschen selbst nach schwersten Traumata entwickeln können – und die berechtigte Hoffnung auf ein Leben jenseits der Opferrolle.



