Nachbarschaftshilfe in Sachsen-Anhalt: Über 4.000 Ehrenamtliche stärken soziale Teilhabe
Nachbarschaftshilfe boomt in Sachsen-Anhalt mit 4.000 Helfern

Nachbarschaftshilfe erlebt in Sachsen-Anhalt bemerkenswerten Aufschwung

In Sachsen-Anhalt engagieren sich mittlerweile über 4.000 Menschen als qualifizierte Nachbarschaftshelferinnen und -helfer. Diese Ehrenamtlichen tragen maßgeblich dazu bei, dass Pflegebedürftige länger in ihren vertrauten vier Wänden leben können und wichtige Sozialkontakte erhalten. Das Projekt, das vor drei Jahren ins Leben gerufen wurde, verzeichnet stetig wachsende Teilnehmerzahlen und zeigt den großen Bedarf an solchen Unterstützungsangeboten.

Vom Einkaufen bis zur Arztbegleitung: Vielfältige Hilfsangebote

Die Nachbarschaftshelfer übernehmen praktische Aufgaben im Alltag hilfebedürftiger Menschen. Sie erledigen Einkäufe, unterstützen bei der Haushaltsführung oder begleiten zu Arztterminen und Behördengängen. Stefanie Hamacher von der Landeskoordinierungsstelle Nachbarschaftshilfe Sachsen-Anhalt betont: „Der Bedarf ist immens groß.“ In fast allen Landkreisen und kreisfreien Städten des Bundeslandes gibt es mittlerweile regionale Servicepunkte, wo Schulungen und Beratungen stattfinden.

Eine der engagierten Helferinnen ist Kerstin Kränzel aus Magdeburg. Die ehemalige Angestellte im öffentlichen Dienst geht regelmäßig mit einer 80-jährigen, in ihrer Mobilität eingeschränkten Dame einkaufen. „Sie kommt sonst nicht raus“, erklärt Kränzel ihre Motivation. Auf ihrem Küchentisch liegen stets Zettel mit Erinnerungen an anstehende Arzttermine und notwendige Einkäufe für ihre Schützlinge.

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Mehr als praktische Hilfe: Soziale Teilhabe im Fokus

Die Nachbarschaftshilfe versteht sich nicht als reine Dienstleistung, sondern als Beitrag zur sozialen Teilhabe. „Es geht nicht nur darum, mit jemandem einzukaufen“, betont Stefanie Hamacher. „Es geht darum, die soziale Teilhabe zu stärken, Erfahrungen auszutauschen, gemeinsame Zeit zu verbringen.“ Dieser ganzheitliche Ansatz unterscheidet das Projekt von rein pflegerischen Dienstleistungen.

Kerstin Kränzel erklärt ihre Motivation mit Erinnerungen an die DDR-Hausgemeinschaften: „Da gab es eine Hausgemeinschaft. Dort wohnten nicht fremde Menschen, sondern Vertraute und Freunde.“ Nach der Schule habe sie bei Nachbarn Kartoffelpuffer gegessen, man feierte Silvester zusammen und Nachbarn passten auf Kinder auf. Dieses Gemeinschaftsgefühl möchte sie auch heute weiterleben, obwohl sie mittlerweile in einem Einfamilienhaus wohnt.

Finanzielle Anerkennung und Nutzungsquoten

Für ihren Einsatz erhalten die Nachbarschaftshelfer eine Aufwandsentschädigung von 131 Euro monatlich, den sogenannten Entlastungsbetrag über die Pflegekassen. Kerstin Kränzel empfindet dies als wichtige Anerkennung ihrer Arbeit. Allerdings zeigen Zahlen der AOK Sachsen-Anhalt, dass viele Berechtigte dieses Angebot nicht nutzen.

Im vergangenen Jahr hatten über 103.000 Versicherte einen Anspruch auf den Entlastungsbetrag, doch nur 56,7 Prozent machten davon Gebrauch. 2022 lag die Inanspruchnahme bei 57 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der Anspruchsberechtigten um gut 23 Prozent – eine Entwicklung, die die AOK auf den demografischen Wandel und steigende Versichertenzahlen zurückführt.

Trotz der insgesamt niedrigen Nutzungsquote verzeichnet die Nachbarschaftshilfe bei der AOK Sachsen-Anhalt deutliche Zuwächse: Waren es im ersten Projektjahr 2023 noch 299 Nutzer, sind es mittlerweile bereits 1.814.

Hürden und Herausforderungen der Nachbarschaftshilfe

Stefanie Hamacher identifiziert mehrere Hürden, die Menschen von der Inanspruchnahme der Hilfe abhalten: „Viele Leute sind nicht gut informiert.“ Bis Hilfesuchende bei der richtigen Beratungsstelle landen, liege oft ein Marathon über verschiedene Anlaufstellen hinter ihnen. Hinzu komme die Scham, überhaupt einen Pflegegrad zu beantragen oder Hilfe anzunehmen.

„Der Gedanke, was die Nachbarn denken, wenn plötzlich ein Pflegedienstauto vor dem Haus steht, sei für viele schwierig“, erklärt Hamacher. Dabei betont sie, dass es viele Menschen wie Kerstin Kränzel gebe, die gerne helfen möchten.

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Struktur und Schulung der Helfer

Die Nachbarschaftshilfe wird zu 70 Prozent von Frauen geleistet, viele davon im Rentenalter oder kurz davor. „Die Kinder sind raus, die zeitlichen Ressourcen sind wieder da“, beschreibt Hamacher diese Personengruppe. Großes Potenzial sieht sie jedoch auch bei Studierenden und jüngeren Berufstätigen.

Die Schulungszahlen entwickeln sich positiv: 2024 fanden 46 Schulungen statt, 2025 waren es 63 und für dieses Jahr sind 97 Schulungen geplant. Jede Schulung umfasst acht Einheiten à 45 Minuten und informiert über Rechte, Pflichten und Grenzen der Helfertätigkeit. Ausdrücklich ausgeschlossen sind pflegerische oder medizinische Tätigkeiten.

Ein wichtiger Schulungsinhalt ist die Selbstfürsorge: „Ich weise mantraartig darauf hin, dass die Nachbarschaftshelfer im Sinne ihrer Selbstfürsorge Grenzen setzen sollen“, betont Hamacher. Der tägliche Einsatz sei nicht vorgesehen – es gehe darum, nachhaltig helfen zu können, ohne sich selbst zu überlasten.

Alle drei Jahre ist für die Nachbarschaftshelfer eine Auffrischungsschulung vorgesehen. Ab September werden die ersten Helfer diese Weiterbildung absolvieren. Stefanie Hamacher ist gespannt auf die Erfahrungsberichte und die weitere Entwicklung dieses erfolgreichen Projekts, das vorerst bis Ende dieses Jahres läuft.