Berlinale-Finale: Spannung vor der Goldenen-Bären-Verleihung - Wer setzt sich durch?
Berlinale-Finale: Spannung vor der Goldenen-Bären-Verleihung

Berlinale-Finale: Spannung vor der Goldenen-Bären-Verleihung - Wer setzt sich durch?

Nach einer Woche voller politischer Diskussionen auf der Berlinale rückt nun endlich das Kino selbst in den Mittelpunkt. Während seit der Eröffnung kontrovers debattiert wurde, wie politisch ein Filmfestival sein muss – insbesondere im Hinblick auf den Nahostkonflikt –, verhandeln viele der Wettbewerbsfilme grundlegende Fragen des menschlichen Miteinanders. Heute werden die begehrten Auszeichnungen verliehen, und die Spannung steigt, welchen Film Jurypräsident Wim Wenders und seine Kollegen in diesem Jahr mit dem Goldenen Bären ehren werden. Welche Produktionen haben realistische Chancen auf den Hauptpreis? Hier eine Übersicht der aussichtsreichsten Kandidaten.

Dieser Film liegt bei etlichen Kritikern vorne

Der österreichisch-deutsche Spielfilm „Rose“ mit Sandra Hüller (bekannt aus „Anatomie eines Falls“) in der Hauptrolle spielt im 17. Jahrhundert in einem kleinen Dorf. Hüller verkörpert eindringlich eine Frau, die sich als Mann ausgibt und sogar ein junges Mädchen (Caro Braun) aus dem Ort heiratet, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Doch ihr Traum scheitert auf blutige Weise. Hüller und die Österreicherin Braun in ihrer ersten großen Kinorolle beeindrucken mit differenzierten Charakterstudien. Der Wiener Regisseur Markus Schleinzer („Michael“) zielt mit dieser in der Vergangenheit angesiedelten Emanzipationsgeschichte künstlerisch originell auf die Gegenwart ab. Viele Experten sehen den Film als aussichtsreichsten Anwärter auf den Goldenen Bären.

Das ist der schönste Wettbewerbsfilm der Berlinale

Die stärkste Konkurrenz für „Rose“ trägt den Titel „The Loneliest Man in Town“. Dieser Wettbewerbsbeitrag stammt vom italienisch-österreichischen Regie-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel („La Pivellina“). Sie erzählen die Geschichte des Wiener Jazz-Musikers Alois Koch, der in hohem Alter von Immobilienspekulanten aus seinem lebenslangen Zuhause vertrieben wird und zu existenziellen Entscheidungen gezwungen ist. Das dokumentarische Material ist mit magischer Leichtigkeit montiert, sodass man glaubt, einen Spielfilm zu sehen. Es wirkt, als hätte sich Kochs Musik direkt in Bilder verwandelt. Herzenswärme und Sozialkritik sind hier in ergreifender Intensität miteinander verwoben. Geradezu schwerelos verwandelt sich der leise Film in eine Ode an die Kraft der Schwachen und weitet sich zugleich zu einer kritischen Bestandsaufnahme des Zustands der westeuropäischen Gegenwart.

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Dorfclans und verbotene Stimmen

Der Berliner Regisseur İlker Çatak („Das Lehrerzimmer“) liegt mit dem Politdrama „Gelbe Briefe“ ebenfalls gut im Rennen um den Goldenen Bären oder eine der anderen Auszeichnungen. Die Story eines Künstlerpaares in der Türkei, das aus politischen Gründen mundtot gemacht werden soll, fesselt von der ersten bis zur letzten Szene. Zudem besitzt die Erzählung eine hohe Allgemeingültigkeit. Ein zweiter Bären-Kandidat zeigt ebenfalls Leben in der Türkei: „Kurtuluş“ („Erlösung“) von Erfolgsregisseur Emin Alper („Eine Geschichte von drei Schwestern“). Stilistisch an einen Western erinnernd, handelt der Film vom mörderischen Kampf zweier dörflicher Clans gegeneinander. Neben der enormen Spannung und hohen künstlerischen Qualität überzeugt auch hier die Universalität der Story.

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Weitere starke Anwärter im Wettbewerb

Denkbar ist aber ebenso, dass „Nina Roza“ das Rennen macht, ein Plädoyer dafür, das Leben nicht an materiellen Erfolgen auszurichten. Die kanadische Drehbuchautorin und Regisseurin Geneviève Dulude-de Celles („Eine Kolonie“) beleuchtet dies anhand der Entwicklung eines Kunstspezialisten aus Montreal, der nach vielen Jahren erstmals wieder in sein Heimatland Bulgarien kommt. Seine Erfahrungen dort spiegeln konturenscharf den gegenwärtigen Zustand der Welt im Allgemeinen. Der wuchtigste Film stammt aus dem Tschad: „Soumsoum, die Nacht der Sterne“. Im Stil an eine antike griechische Tragödie erinnernd, wird der Kampf einer 17-Jährigen um schlichte Menschlichkeit verfolgt. Der Film von Regisseur Mahamat-Saleh Haroun („Daratt“) hat emotional sehr starke Momente. Die Verknüpfung einer persönlichen Geschichte mit historischen Überlieferungen und Fragen an die Gegenwart ist von großem Reiz.

Möchte die Jury den Mut zu Originalität belohnen, könnte die Wahl auf „Everybody Digs Bill Evans“ („Alle mögen Bill Evans“) fallen. In seinem ersten abendfüllenden Spielfilm erkundet der Brite Grant Gee Lebensstationen des US-amerikanischen Jazz-Pianisten Bill Evans (1929–1980). Einfallsreich mit schwarz-weißen und farbigen Bildern und dem künstlerischen Erbe des Musikers experimentierend, erreicht der Episodenfilm eine fast rauschhafte Intensität.

Wer gewinnt den Schauspielpreis?

Die Jury unter Vorsitz von Regisseur Wenders („Perfect Days“) dürfte sich auch mit den geschlechtsneutral zu vergebenden Auszeichnungen für besondere schauspielerische Leistungen schwertun. Die Auswahl ist enorm. Sandra Hüller und Caro Braun hätten für ihr Spiel in „Rose“ einen Preis verdient. Aber auch Juliette Binoche („Rückkehr nach Ithaka“) und Tom Courteney („45 Years“) im sensiblen Demenzdrama „Queen at Sea“, Hollywoodstar Amy Adams („Nocturnal Animals“) als trockene Alkoholikerin in „At the Sea“ und einige mehr bieten außergewöhnliche Darstellungen.

Die Spannung ist also groß. Am Sonntag endet die Berlinale dann mit einem Publikumstag, an dem viele Filme noch einmal zu sehen sind. Die Entscheidung der Jury wird mit Spannung erwartet und könnte Überraschungen bereithalten.