Küstenfischerei als Kulturerbe anerkannt: Traditionen unter wirtschaftlichem Druck
Küstenfischerei wird immaterielles Kulturerbe

Küstenfischerei als immaterielles Kulturerbe anerkannt

Die traditionelle Küstenfischerei an der Ostseeküste und in den Boddengewässern Mecklenburg-Vorpommerns hat eine bedeutende kulturelle Würdigung erfahren. Sie wurde offiziell in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Diese Ehrung unterstreicht den weit über wirtschaftliche Aspekte hinausreichenden Wert der jahrhundertealten Tradition.

Minister betont kulturelle Identität

Der für Fischerei zuständige Schweriner Landesminister, Till Backhaus von der SPD, hob die tiefgreifende Bedeutung der Küstenfischerei hervor. „Die Küstenfischerei ist weit mehr als ein Wirtschaftszweig – sie ist Teil unseres kulturellen Erbes und prägt seit Generationen die Identität unserer Küstenregionen“, erklärte Backhaus. Er fügte hinzu: „Dieses Wissen, diese Traditionen und die enge Verbindung von Mensch und Meer zu bewahren, ist für Mecklenburg-Vorpommern von herausragender Bedeutung.“

Dramatischer Rückgang der Fischerbetriebe

Trotz der kulturellen Anerkennung steht die Branche vor enormen wirtschaftlichen Problemen. Minister Backhaus verwies auf einen drastischen Rückgang der aktiven Fischer. Von einst mehr als 1.400 Küstenfischern kurz nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 sind heute weniger als 500 in 144 haupterwerblichen und 132 nebenerwerblichen Betrieben verblieben. Die Fanghöchstmengen befinden sich auf einem historisch niedrigen Niveau, was die wirtschaftliche Lage zusätzlich verschärft.

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Besonders betroffen sind ehemals wirtschaftlich bedeutende Fischarten wie Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee. Aufgrund von Überfischung sowie Umwelt- und Klimaeinflüssen dürfen diese Arten nicht mehr oder nur noch in Ausnahmefällen gezielt befischt werden. Diese Restriktionen stellen die verbliebenen Betriebe vor existenzielle Herausforderungen.

Erweiterung des Kulturerbe-Verzeichnisses

Die Aufnahme der Küstenfischerei erfolgte im Rahmen einer Erweiterung des bundesweiten Verzeichnisses für immaterielles Kulturerbe. Die Kulturministerkonferenz, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und die Deutsche Unesco-Kommission gaben bekannt, dass das Verzeichnis um fünf weitere Traditionen ergänzt wurde. Zu den Neuzugängen zählen neben der Küstenfischerei:

  • Das Kicken auf dem Bolzplatz
  • Das handwerkliche Anfertigen von Herrenbekleidung
  • Die Martinsumzüge mit Laternen im Rheinland
  • Die Schaustellerkultur auf Volksfesten

Hintergrund und Bedeutung des Verzeichnisses

Seit dem Jahr 2003 existiert ein internationales Abkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes der Unesco, der für Kultur zuständigen Organisation der Vereinten Nationen. Deutschland ist seit 2013 Vertragspartei dieses Abkommens. Das nationale Verzeichnis dient dazu, „kreative, inklusive und innovative“ Kulturformen zu würdigen und zu dokumentieren.

Es handelt sich dabei nicht um ein direktes Verzeichnis der Unesco, sondern um eine deutsche Initiative. Allerdings können Einträge aus den nationalen Verzeichnissen für eine der drei internationalen Unesco-Listen vorgeschlagen werden, was die Bedeutung der Aufnahme zusätzlich unterstreicht.

Mit den jüngsten Neuzugängen umfasst das deutsche Verzeichnis mittlerweile 173 kulturelle Ausdrucksformen, die in Deutschland lebendig weitergegeben werden. Die Bandbreite reicht dabei von der Berliner Technokultur bis zum traditionellen Bergsteigen in Sachsen und spiegelt die vielfältige kulturelle Landschaft des Landes wider.

Zukunft zwischen kultureller Würdigung und wirtschaftlichem Druck

Die Anerkennung als immaterielles Kulturerbe stellt eine wichtige Wertschätzung für die Küstenfischerei dar. Sie betont ihren Beitrag zur regionalen Identität und zum kulturellen Erbe Mecklenburg-Vorpommerns. Gleichzeitig verdeutlicht die aktuelle Situation den Spagat zwischen kultureller Tradition und wirtschaftlicher Realität.

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Die Branche steht vor der Herausforderung, ihre traditionellen Praktiken und das damit verbundene Wissen zu bewahren, während sie mit ökologischen Veränderungen, regulatorischen Einschränkungen und marktwirtschaftlichen Druck umgehen muss. Die kulturelle Würdigung könnte dabei helfen, das Bewusstsein für die Bedeutung dieser Tradition zu schärfen und möglicherweise Unterstützungsmaßnahmen zu initiieren.