Schwedts verborgener Kunstschatz: Drei Sammlungen erzählen bewegte Stadtgeschichte
Die Stadt Schwedt an der Oder bewahrt einen besonderen kulturellen Schatz: Drei umfangreiche Kunstsammlungen dokumentieren die jüngere Stadtgeschichte durch Malerei, Grafik und Bildhauerei. Der Gesamtwert dieser Sammlungen nähert sich der Marke von 100.000 Euro. Die Werke entstanden in einer historisch aufregenden Zeit und behandeln zentrale Themen wie die Industrialisierung des Nordens, den Wiederaufbau der zerstörten Stadt nach dem Krieg sowie die Entstehung des Nationalparks Unteres Odertal.
Kunst als historisches Dokument
Wie keine andere ist Liane Morgner eine profunde Kennerin dieser Sammlungen. Die ehemalige Kunsterzieherin und frühere Leiterin der Galerie im Ermelerspeicher hat sich intensiv mit der Geschichte Schwedts beschäftigt, die durch Malerei, Grafik und Skulpturen auf eindrucksvolle Weise „bebildert“ wird. „Diese Kunst dokumentiert unsere Vergangenheit – und die Vergangenheit kann man nicht wegwerfen. Sie ist unsere Identität“, betont Morgner und wirbt für einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem künstlerischen Erbe.
Die 1960er und 1970er Jahre stellten eine besonders aufregende Zeit für das Tabakstädtchen an der Oder dar. Die Planung des Erdölverarbeitungswerkes und der Neubau der Stadt verliefen parallel. Oft waren Künstler mit Skizzenblock vor Ort dabei. Etwa 80 Prozent der Aufträge für Künstler kamen damals aus der Industrie – vom Erdölwerk, der Papierfabrik oder dem Baukombinat.
Rettungseinsätze nach der Wende
Nach der politischen Wende kam es durch Unwissenheit zu erheblichen Verlusten im Kunstbesitz der Stadt. Mitarbeiter der damals jungen Galerie im Ermelerspeicher hatten ohne offiziellen Auftrag über 400 Kunstwerke sichergestellt. „Ich bin mehrfach pro Woche mit dem Trabi durch Schwedt gefahren, um Bilder aus Containern zu retten“, erinnert sich Liane Morgner deutlich. „Wenn man uns eingeredet hat, DDR-Kunst sei nichts wert, dann empört mich das zutiefst.“
Die Sammlung „Feuchte Arbeiten“
Besonders am Herzen liegt der Kunstexpertin die Sammlung „Feuchte Arbeiten“. Diese widerspiegelt das Wachsen des Nationalparks Unteres Odertal. Bereits 1992 rief Liane Morgner das Internationale Landschaftspleinair „Künstler erleben den Nationalpark“ ins Leben, das seither jeden Sommer stattfindet. Dies war ein Akt der Weitsicht und Zuversicht, denn der Nationalpark selbst wurde erst 1995 offiziell gegründet.
Im Laufe der Jahre entstand eine bemerkenswerte Sammlung, die den Namen „Feuchte Arbeiten“ trägt, weil die Kunstwerke quasi noch feucht waren, als sie für die Ausstellungen zum Ende des Pleinairs gerahmt und gehängt wurden. Diese Veranstaltungen lockten Presse und Fernsehen nach Schwedt – sogar ein japanischer Sender drehte dort.
Großzügigkeit der Künstler
Die Künstler selbst trugen maßgeblich dazu bei, den Ruf Schwedts über die Stadtgrenzen hinauszutragen. Viele von ihnen zeigten sich großzügig und gewährten auf ihre Werke erhebliche Preisnachlässe. So gelang es, zahlreiche „Feuchte Arbeiten“ für die städtische Sammlung zu erwerben. „Den beachtlichen Umfang der Sammlung verdanken wir auch der Unterstützung durch einzelne Geschäftsleute, dem Lions-Club und privaten Spendern“, erklärt Liane Morgner.
Originale in Rathausfluren
Es schmerzt die Kunstexpertin, dass viele Originale in Büros und Fluren des Rathauses hängen, manche am Ende enger Gänge. Dabei handelt es sich ihrer Ansicht nach um eine museale Sammlung durch und durch. Morgner setzt sich für den Schutz dieser Werke ein und dafür, wie sie einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden können. In den 1990er-Jahren gab es bereits Ausstellungen mit Bildern der Sammlung in Gelsenkirchen, Leverkusen und Stettin. „Eine bessere Werbung für eine Nationalparkstadt ist kaum denkbar – so sollte man weitermachen“, betont sie.
Dokumentation der Leidenschaft
In einem dicken Ordner hat Liane Morgner alle Ankäufe und Schenkungen von Kunstwerken erfasst, die von 1992 bis 2003 während des Pleinairs in der Galerie im Ermelerspeicher entstanden. Zumindest die Mitglieder im Schwedter Geschichtsverein, denen Morgner von ihrer Leidenschaft erzählte, sind mittlerweile sensibel für diesen Schatz geworden, der der ganzen Stadt gehört. Die Kunstexpertin hofft, dass dieses Bewusstsein weiter wächst und die wertvollen Sammlungen die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen.



