In Ostia bei Rom, dem Stadtstrand der italienischen Hauptstadt, ist in diesem August nichts wie früher. Normalerweise liegen die Römer hier dicht an dicht. Doch jetzt sind im Strandbad „Shilling“ die Bagger angerückt, um die Toilettenhäuschen abzureißen. Das bekannte Bad wurde von den Behörden beschlagnahmt – wegen Bauverstößen und weiteren Vorwürfen gegen den Betreiber. Nach einem schweren Sturmschaden im Winter drohte es zur Ruine zu werden. Nun macht es Platz für einen Strand, den alle kostenlos nutzen können.
Das Beispiel zeigt einen tiefgreifenden Wandel an Italiens Küsten. Von den mehr als 7.500 Kilometern Mittelmeerküste sind große Teile über Jahrzehnte an private Strandbäder vergeben. Diese sogenannten Stabilimenti Balneari vermieten Liegen und Sonnenschirme – oft zu stattlichen Preisen und nicht selten ohne gültige Konzession. In dieser Saison kostet die Tagesmiete für zwei Liegen und einen Schirm im Schnitt rund 40 Euro. In der Toskana kann es deutlich mehr sein.
Strand ist eigentlich Eigentum des Staates
Formal gehört die Küste in Italien dem Staat. Gesetzlich müsste jeder Strandabschnitt frei zugänglich sein. Doch mehr als die Hälfte der Strände ist privat verpachtet, häufig zu Spottpreisen. Das Centrum für Europäische Politik (CEP) hat errechnet, dass die durchschnittliche Konzessionsabgabe bei nur 8.200 Euro pro Jahr liegt – während die Strandbäder durchschnittlich 260.000 Euro Umsatz erwirtschaften. Einige erzielen weit mehr.
Diese Schieflage sorgt seit Jahren für Unmut. Viele Stabilimenti umzäunen ihren Bereich mit Mauern und Zäunen, sodass freie Durchgänge zum Meer fehlen. Urlauber aus dem Ausland reagieren oft empört, wenn sie für den Strandzugang zahlen sollen. Aber auch viele Italiener finden es inzwischen unerträglich. Die Römerin Isabella Pedrelli, die mit ihren Kindern nach Ostia kam, bringt es auf den Punkt: „Eine Normalfamilie kann sich das überhaupt nicht mehr leisten.“
Rom macht jetzt ernst
Roms Bürgermeister Roberto Gualtieri hat angekündigt, die Vergabepraxis grundlegend zu ändern. Aus insgesamt 11,3 Kilometern Strand in Ostia sollen künftig 6,5 Kilometer frei zugänglich sein. Bislang sind es nur 1,2 Kilometer. Die Zahl der Stabilimenti soll von 70 auf 35 halbiert werden. Dort, wo das „Shilling“ und das benachbarte „Sporting Beach“ abgerissen werden, soll eine Spiaggia Libera entstehen, ein öffentlicher Strand. Einem anderen Club, dem „Village“, entzog die Stadt wegen Mafia-Ermittlungen die Konzession und übergab sie einer Genossenschaft.
Auch andernorts gehen die Kommunen vor: In Ligurien an der Riviera und in Apulien, im Süden Italiens, haben Bürgermeister begonnen, Strandabschnitte wieder in freie Zonen umzuwandeln. Der Druck kommt nicht zuletzt aus Brüssel.
EU-Richtlinie setzt den Rahmen
Bereits 2006 verabschiedete die Europäische Union eine Richtlinie, die vorschreibt, dass Konzessionen für öffentliche Strände regelmäßig neu ausgeschrieben werden müssen. Dahinter steht der Grundsatz, dass öffentlicher Grund nicht dauerhaft privatisiert werden darf. In Rom wurde die Umsetzung jedoch jahrelang verschleppt. Nun soll es ab 2027 so weit sein. Viele Beobachter hoffen, dass mehr Konkurrenz zu niedrigeren Preisen führt. Garantieren kann das allerdings niemand.
Bürgerinitiativen wie Mare Libero begrüßen die Entwicklung. „Wir müssen deutlich machen, dass Strand, Meer und Luft öffentliche Güter sind – und nichts, das man einfach verkaufen oder abtreten kann“, sagt Danilo Ruggeri, Rom-Vertreter der Vereinigung. Er mahnt jedoch: „Da ist noch einiges zu tun.“
Streit um mitgebrachte Verpflegung
Aktuell sorgt ein weiterer Vorfall für Schlagzeilen: In Apulien hatten Strandbad-Betreiber ihren Gästen den Verzehr mitgebrachter Speisen und Getränke verbieten wollen. Sie argumentierten mit einem möglichen „Imageschaden“. Der Präsident der Region, Antonio Decaro, wies die Pächter scharf zurecht. Angesichts der ohnehin explodierenden Preise für Schirme und Liegen sei es absurd, den Menschen auch noch teures Essen vom Kiosk aufzudrängen. „Das Meer ist ein Allgemeingut. Es darf nicht zum Luxusgut werden.“
Ob die Wende an den Stränden tatsächlich gelingt, bleibt abzuwarten. Die alteingesessenen Familienbetriebe wehren sich mit allen Mitteln. Viele fürchten um ihre Existenz, andere wehren sich gegen unlautere Methoden. Eines jedoch zeigt der Fall Ostia: Der Druck aus Brüssel und von der Basis könnte die Zukunft der italienischen Küsten nachhaltig verändern.



