Berlin – Ein Zwischenfall hat die zentrale Gedenkfeier zum Jahrestag des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 im Berliner Bendlerblock erschüttert. Tobias Korenke, der Großneffe der NS-Widerstandskämpfer Dietrich und Klaus Bonhoeffer, griff am Montag während der Veranstaltung ein, als ein Blumenkranz der AfD niedergelegt werden sollte. Er versuchte, den Kranz zu entfernen, was zu einem Eklat führte.
Der Vorfall im Ehrenhof
Die Gedenkfeier fand im Ehrenhof des Bendlerblocks statt, wo die Bundesregierung jährlich an den Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft erinnert. Unter den Rednern waren Berlins Finanzsenator Stefan Evers (46) und Bundesbildungsministerin Karin Prien (61). Korenke, der sich bereits seit Jahren klar gegen die AfD positioniert, störte die Kranzniederlegung der Partei. In einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ hatte er zuvor erklärt, seine Vorfahren hätten gegen „all das, wofür die AfD eintritt“ gestanden.
Historische Bedeutung des Bendlerblocks
Der Bendlerblock hat eine besondere historische Bedeutung: Im Innenhof wurden Claus Schenk Graf von Stauffenberg und weitere Mitverschwörer noch in der Nacht des gescheiterten Attentats vom 20. Juli 1944 erschossen. Mit einer Bombe hatte Stauffenberg versucht, Adolf Hitler zu töten, das NS-Regime zu stürzen und den Krieg zu beenden. Hitler überlebte, der Umsturzversuch scheiterte. Dietrich Bonhoeffer gehörte als theologischer Intellektueller zum Umfeld der Attentäter. Er war der Großonkel von Korenke und wurde wegen seiner Beteiligung am Widerstand wenige Wochen vor Kriegsende ins Konzentrationslager Flossenbürg verschleppt und ermordet. Korenkes Großvater Rüdiger Schleicher kämpfte ebenfalls gegen die Nazis. Er wurde Ende April 1945 zusammen mit seinem Schwager Klaus Bonhoeffer in Berlin erschossen.
Debatte um Deutungshoheit
Mit dem Angriff auf den AfD-Kranz dürfte die Debatte darüber, wer sich auf das Erbe des deutschen Widerstands berufen darf, neuen Zündstoff erhalten. Die AfD nimmt seit Jahren an Gedenkveranstaltungen zum 20. Juli teil. Kritiker werfen der Partei vor, die Erinnerung an die Widerstandskämpfer politisch zu vereinnahmen. Der Vorfall zeigt die anhaltende Spannung um die Interpretation des Widerstandserbes 82 Jahre nach dem gescheiterten Attentat.



