Altbundespräsident Joachim Gauck hat in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ die sogenannte Brandmauer zur AfD kritisiert und zugleich die Wähler der Partei in Schutz genommen. Der 85-Jährige warnte vor politischem Stillstand und forderte die Bundesregierung zu entschlossenen Reformen auf. „Es muss der Sommer der Reformen sein“, sagte Gauck. „Wenn es der Sommer nicht ist, muss es der Herbst werden.“
Gauck: Deutschland ist träge geworden
Gauck, der als einziger Gast in der Sendung auftrat, begann das Gespräch mit einem Scherz: Lieber würde er übers Wetter sprechen. Doch dann diagnostizierte er eine tiefe gesellschaftliche Trägheit in Deutschland. „Was unser Land betrifft, könnte es besser sein“, so Gauck. Er betonte, er möge keinen Alarmismus: „Der lähmt uns, und lahm sind wir schon genug.“ Der Blick von außen auf die Bundesrepublik zeige vor allem eines: „Bloß nicht zu viel Risiko und schön verwalten, was wir geschaffen haben.“ Das sei zwar menschlich verständlich, schaffe aber keine Zukunft. Um den Anschluss nicht zu verlieren, müsse man „Aufbrüche und Reformen wagen“.
AfD-Wähler nicht über einen Kamm scheren
Auf die Frage von Moderator Markus Lanz, ob die Politik den Bürgern zu wenig zumute, kam Gauck schnell auf das Erstarken der AfD zu sprechen. Wenn eine Regierung zu lange untätig bleibe, führe das zu Vertrauensverlust. „Dann brechen die Leute aus“, sagte er. „Früher gingen sie zu der Linken, heute zu Nationalisten, die so tun, als würden sie uns in eine vergangene Epoche führen.“ Pauschal verdammen wollte er die Wählergruppe jedoch nicht. Es handle sich um „Nationalpopulisten, nicht um Faschisten“. Hauptsächlich seien die Wählenden „verunsicherte Menschen, die sich fragen: ‚Wo bleibe ich in einer Welt, in der sich alles so verändert?‘“
Brandmauer-Kritik und pragmatische Bündnisse
Für den Rechtsruck in Deutschland und Europa sieht Gauck primär nicht soziale Gründe, sondern ein „Gefühl von Entheimatung“. Dennoch zog er eine klare Linie: „Menschen, die dahin flüchten, sind auf einem Irrweg.“ Für die politischen Ziele der AfD habe er „kein Verständnis“. Sollte die AfD bei den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt so stark werden, wie Umfragen prognostizieren, werde das „einen Teil der Deutschen aufwecken“. „Feigheit bringt uns nicht weiter“, fügte er hinzu. Gauck sprach sich daher für pragmatische Bündnisse aus – etwa mit der Linken. Er selbst sei „unverdächtig, ein Anhänger der Linken“ zu sein, doch es könne passieren, dass die Union zusammen mit der Linken dafür sorge, dass es nicht zu einem Ministerpräsidenten der AfD komme. In der Politik gehe es „nicht immer um die Gestaltung des einzig Guten“. Die Brandmauer sah er kritisch: „Für mich ist das Bild der befestigten Grenze das Richtige. Dann kannst du Grenzübergänge regeln.“
Lob für Gaucks Denkweise
Moderator Markus Lanz zeigte sich sichtlich beeindruckt von Gaucks Ausführungen. „Macht Spaß, Ihnen beim Denken zuzugucken“ und „Einspruch, euer Ehren“ waren zwei der Sätze, mit denen Lanz seine Bewunderung ausdrückte. Gauck appellierte abschließend an die schwarz-rote Regierung: Die Wähler wüssten längst, dass Veränderungen nötig seien. Doch das Zeitfenster dafür schließe sich.



