Das Landgericht Berlin hat einen 41-jährigen Palliativarzt wegen 15-fachen Mordes zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Die Vorsitzende Richterin Sylvia Busch bezeichnete den Angeklagten als „Serienmörder“ und betonte, dass die Taten nichts mit Palliativmedizin oder Sterbehilfe zu tun hätten. „Die Patienten wollten leben“, sagte Busch bei der Urteilsverkündung. Der Arzt habe die Tätigkeit in der Palliativmedizin gewählt, um töten zu können – heimtückisch und aus niederen Beweggründen.
Urteil: Höchststrafe und Berufsverbot
Das Gericht verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe, stellte die besondere Schwere der Schuld fest und ordnete Sicherungsverwahrung sowie ein lebenslanges Berufsverbot an. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor ebenfalls die Höchststrafe gefordert. Die Verteidigung sprach sich gegen die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und die Sicherungsverwahrung aus. Verteidiger Christoph Stoll nannte das Urteil „beeindruckend falsch“ und kündigte an, Rechtsmittel einzulegen.
Nach Überzeugung des Gerichts verabreichte der Angeklagte von 2021 bis 2024 zwölf Frauen und drei Männern ein tödliches Gemisch verschiedener Medikamente. Die Opfer waren zwischen 25 und 94 Jahre alt und alle schwer krank, ihr Tod stand jedoch nicht unmittelbar bevor. „Unfassbar war nicht nur die Anzahl – 15, er ist ein Serienmörder. Wahrscheinlich ist es nur die Spitze des Eisbergs“, sagte Richterin Busch. Es bestehe der Verdacht, dass noch viele weitere Menschen durch seine Hand gestorben seien. In einem Telefongespräch mit seiner Frau habe er gesagt, er töte schon lange.
Motiv: Machtgefühl und Gleichgültigkeit
Das Gericht zeigte sich erschüttert über die Motivlage. Der Angeklagte, ein nach außen freundlicher Arzt und Familienvater, habe nicht aus Mitleid oder falsch verstandener Sterbehilfe gehandelt, sondern „weil er unbehelligt dazu in der Lage war“ und um als „selbstunsicherer Mensch daraus ein Gefühl größtmöglicher Macht“ zu erlangen. Die Taten zeigten eine „tiefgreifende Gleichgültigkeit gegenüber der Würde und des Wertes des Lebens schwer kranker Menschen“. Das Gericht geht von einem Hang zum Töten und einer Gefährlichkeit des Angeklagten aus.
Richterin Busch betonte, der Prozess habe ein gutes Bild von der verantwortungsvollen Arbeit der Palliativmedizin vermittelt. „Diese Arbeit hat er durch seine unfassbaren Taten in Verruf gebracht.“ Die Tochter eines 75-jährigen Opfers, die als Nebenklägerin auftrat, zeigte sich erleichtert: „Ich glaube, dass ich nun abschließen kann.“ Nebenkläger-Anwältin Christina Clemm sagte: „Wir können alle nur hoffen, dass er keinerlei Möglichkeiten mehr hat, Menschen zu töten.“
Geständnis und Hintergründe
Der Angeklagte hatte nach monatelangem Schweigen am 25. Juni überraschend gestanden, zwölf schwer kranke Patienten bei Hausbesuchen getötet zu haben. Er habe sich eingeredet, das Richtige zu tun und ihnen „Leid und Siechtum“ zu ersparen. Zum Abschluss des Prozesses entschuldigte er sich erneut bei den Hinterbliebenen. Der Arzt sitzt seit Anfang August 2024 in Untersuchungshaft.
Auslöser der Ermittlungen waren Brände, die er gelegt haben soll, um Tötungen von Patienten zu verdecken. Zunächst wurde wegen Brandstiftung mit Todesfolge ermittelt. Hinweise des Pflegedienstes, für den der Arzt gearbeitet hatte, brachten ihn zunehmend in den Fokus. Das Berliner Landeskriminalamt richtete eine Ermittlungsgruppe des Morddezernats ein, die Hunderte Patientenunterlagen auswertete. Im April 2025 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage in 15 Fällen gegen den in Frankfurt am Main geborenen Mann, den Patienten, Angehörige und Kollegen als einfühlsam beschrieben hatten.
Weitere Ermittlungen und möglicher Prozess
Die Staatsanwaltschaft ermittelt in 76 weiteren Fällen und geht von einer weiteren Anklage noch in diesem Jahr aus. Der Angeklagte kündigte in seinem letzten Wort vor Gericht an: „Ich werde mich in dem kommenden Verfahren deutlich früher einlassen.“ Der Fall könnte einer der größten bundesweit sein. Zum Vergleich: Die Mordserie des Ex-Pflegers Niels Högel in Niedersachsen gilt als die wohl größte der deutschen Nachkriegsgeschichte – er wurde 2019 wegen 85-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.



