80 Jahre Kaliningrad: Von Kants Grab bis zur Festung des Kremls
Vor genau 80 Jahren, am 4. Juli 1946, wurde Königsberg in Kaliningrad umbenannt. Heute ist die westlichste Großstadt Russlands eine Mischung aus deutscher Geschichte, sowjetischem Erbe und militärischer Aufrüstung. Nur wenige Inseln erinnern an das alte Königsberg, die eindrucksvollste ist die Kant-Insel, der ehemalige Kneiphof.
Der Dom und Kants Vermächtnis
Majestätisch erhebt sich der 50 Meter hohe Dom über der Insel im Pregel-Fluss. Knapp 700 Jahre nach seinem Bau ist er immer noch das Wahrzeichen der Stadt. Das Grabmal von Immanuel Kant an der Rückseite des Doms ist ein Wallfahrtsort für junge Brautpaare. Blumen zeugen davon, dass der große deutsche Denker auch in Russland seine Anhänger hat. Die Universität trägt seit 2005 Kants Namen, und rund um den Dom schenken Buden Kant-Wein genannten Glühwein aus.
Vom deutschen Königsberg zur russischen Stadt
Als die sowjetischen Truppen im April 1945 Königsberg eroberten, war nicht viel übriggeblieben von der einst stolzen Hansestadt, die 1255 vom Deutschen Ritterorden gegründet wurde. In den fast 700 Jahren deutscher Geschichte hatte Königsberg Aufstiege und Niedergänge erlebt: Residenzstadt preußischer Fürsten, Krönungsort Friedrichs I., russische Herrschaft von 1758 bis 1762. Doch so schlimm getroffen wie im Zweiten Weltkrieg wurde Königsberg nie zuvor. Britische Luftangriffe 1944 zerstörten die Altstadt praktisch gänzlich. Die Schlacht um Königsberg vernichtete den Rest. Lebten vor dem Krieg mehr als 360.000 Menschen in der Stadt, waren es zu Kriegsende weniger als 50.000. Die letzten Deutschen wurden 1948 vertrieben.
Stalin macht Kaliningrad zur Festung
Sowjetdiktator Josef Stalin sicherte sich den nördlichen Teil Ostpreußens als Kriegsbeute. Er gliederte die Region Russland an, nicht Litauen, das als unzuverlässig galt. Der Marinehafen Pillau wurde zum Hauptstützpunkt der Ostseeflotte ausgebaut. Am 4. Juli 1946 erhielt die Stadt den Namen Kaliningrad – nach Michail Kalinin, der keine Verbindung zu ihr hatte. Die Vergabe von Namen toter Parteigrößen war unter Stalin üblich. Stalingrad, das heutige Wolgograd, war das bekannteste Beispiel.
Perestroika und die Idee von Kantgrad
In der Perestroika gab es Stimmen für eine Rückbenennung, doch Moskau fürchtete eine Debatte über Rückgabe an Deutschland. Stattdessen wurde über die Alternative Kantgrad diskutiert. Der Zerfall der Sowjetunion machte Kaliningrad zur Insel. Moskau versuchte, es als Pilotregion zum „Fenster nach Europa“ aufzubauen. Es gab Zug- und Flugverbindungen nach Berlin, und der Dom wurde mit deutscher Hilfe wieder aufgebaut.
Vom Fenster zur Festung
Die Annexion der Krim 2014 beendete die Annäherung. Aus der Brücke wurde eine Festung. Kaliningrad ist heute so stark militärisch aufgerüstet wie zuletzt zu Sowjetzeiten. Die deutsche Geschichte ist offiziell nicht mehr gefragt – nur die Einwohner nennen die Stadt weiter liebevoll „Kenig“.



