Nach dem Sturz und dem Aus von Jonas Vingegaard bei der Tour de France ist eine hitzige Debatte über nächtliche Dopingkontrollen entbrannt. Der dänische Radstar war auf der 15. Etappe zu Fall gekommen und erlitt einen Schlüsselbeinbruch. In der Nacht zuvor war er um 2 Uhr von Dopingkontrolleuren aus dem Schlaf gerissen worden. Nun solidarisiert sich das Peloton mit dem zweimaligen Tour-Champion – und erhält fragwürdige Unterstützung aus den USA.
Vingegaard: Kontrolle könnte Rolle gespielt haben
Jonas Vingegaard wollte über die Ursache für seinen Sturz „nicht spekulieren“, sagte aber dem dänischen Sender TV2: „Man kann wohl sagen, dass es sicher nicht förderlich war. Ob das der Grund ist, darüber wage ich nicht zu spekulieren. Es mag durchaus eine Rolle gespielt haben.“ Die Nachtkontrolle hatte ihn um 2 Uhr geweckt, nachdem er aufgrund eines langen Transfers erst gegen 1 Uhr ins Bett gekommen war.
Der Aufschrei bei den Stars der Branche war groß. „Unmenschlich“, „Schande“, „Respektlos!“ – selbst die größten Rivalen Tadej Pogacar und Remco Evenepoel solidarisierten sich mit dem Dänen. Pogacar, der um 5 Uhr kontrolliert wurde, sagte: „Nach einer Nacht, bei der der Schlaf ruiniert wird, liegt es vielleicht daran. Seine Tour ist ruiniert. Es ist wirklich traurig.“
Armstrong: „Eine Frage der Menschenrechte“
Aus den USA meldete sich Lance Armstrong zu Wort – der größte Dopingsünder der Radsport-Geschichte. In seinem Podcast „The Move“ sagte er: „Sie klopften an die Tür und weckten ihn mitten in der Tour de France. 2 Uhr morgens – das ist eine Frage der Menschenrechte. Ich bin sprachlos.“ Armstrong diskutierte mit dem früheren Toursieger Bradley Wiggins und seinem Ex-Helfer George Hincapie. Wiggins ergänzte: „Er war gerade erst eingeschlafen, und eine Stunde später wurde er wieder geweckt. Ich meine, wir sind uns doch alle einig, dass das nicht in Ordnung ist, oder?“
Remco Evenepoel fand nach seinem Etappensieg klare Worte: „Ich kann nur sagen, dass es ziemlich respektlos ist, die Fahrer mitten in der Nacht zu wecken. Kontrollen um 2.00 und 5.00 Uhr morgens sind etwas, das wir als Fahrer eigentlich nicht hinnehmen können. Es ist schlicht unmenschlich, uns mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen.“ Er bezeichnete die Vorgänge als „Schande“ und forderte die Fahrergewerkschaft CPA zum Eingreifen auf. „Wäre mir das passiert, würde ich mein Team heute Nacht losschicken, um die Verantwortlichen ebenfalls um 3.00 Uhr morgens zu wecken und ihnen am eigenen Leib spüren zu lassen, wie das ist – und ihnen mitten in der Nacht Blut abnehmen.“
Regeln für Nachtkontrollen: Strengere Richtlinien seit 2016
Dopingkontrollen finden in der Regel zwischen 6.00 und 23.00 Uhr statt. Nächtliche Kontrollen sind seit 2016 zwar möglich, unterliegen aber strengeren Richtlinien, etwa bei konkreten Verdachtsmomenten. Die Kontrollen wurden von der International Testing Agency (ITA) durchgeführt. Laut dem niederländischen Visma-Team von Vingegaard handelte die ITA auf Anweisung oder mit Genehmigung der französischen Anti-Doping-Agentur (AFLD).
Der deutsche Hoffnungsträger Florian Lipowitz, Vorjahresdritter, zeigte Verständnis für den Unmut: „Kontrolliert wird natürlich super viel bei der Tour, und ich glaube, da wird kein Team verschont. Natürlich ist es vielleicht ungünstiger morgens vor so einer harten Etappe. Gestern kamen wir super spät ins Hotel, und dann zählt natürlich jede Minute Schlaf.“ Kontrollen in der Nacht seien „nicht ganz vorteilhaft“.
Vingegaards Tour-Aus: „So ist der Radsport nun mal“
Vingegaard selbst zeigte sich trotz des verletzungsbedingten Ausfalls gefasst: „Natürlich ist es sehr enttäuschend für uns, dass es so ausgeht und die Tour auf diese Weise endet. Aber so ist der Radsport nun mal. Zum Glück ist es nur ein Schlüsselbeinbruch.“ Er fügte hinzu: „Es bringt nichts, den Kopf hängenzulassen. Das macht alles nur noch schlimmer.“
Die Debatte um Nachtkontrollen dürfte die Tour de France noch länger begleiten. Während die Fahrer mehr Respekt und Rücksicht fordern, betonen die Anti-Doping-Behörden die Notwendigkeit unangekündigter Kontrollen. Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit bleibt offen.



