Joachim Gauck bei Lanz: „Das war eine Portion Optimismus zu viel“
Gauck bei Lanz: „Optimismus zu viel“ zur AfD

Altbundespräsident Joachim Gauck hat in der Talkshow „Markus Lanz“ eine frühere Fehleinschätzung zur AfD eingeräumt und sich für einen neuen Umgang mit der Partei ausgesprochen. „Das war eine Portion Optimismus zu viel“, sagte Gauck mit Blick auf seine Aussage von Juli 2023, die AfD werde in Deutschland nicht an die Macht kommen. Damals hatte er sich „total“ und „absolut“ sicher gezeigt, dass die Partei keine Regierungsverantwortung übernehmen werde. Heute, angesichts von Umfragewerten um die 20 Prozent und einer möglichen Regierungsbeteiligung in Sachsen-Anhalt, müsse man die Lage nüchterner betrachten.

Globalisierung und Heimatverlust als Erklärung

Gauck, der am Donnerstagabend als einziger Gast im Studio war, analysierte die gesellschaftlichen Ursachen für den Aufstieg der AfD. Aus seiner Sicht habe die Globalisierung bei vielen Menschen ein Gefühl des Heimatverlusts ausgelöst. Das Bedürfnis nach „Beheimatung“ sei in Debatten über Fortschritt „verächtlich gemacht“ worden, kritisierte der frühere Bundespräsident. Gerade von progressiver Seite sei der Fehler gemacht worden, diese Sorgen nicht ernst zu nehmen. „Es ist etwas Gutes, ein Weltbürger zu sein. Aber es ist etwas Problematisches, wenn der Weltbürger praktisch abhebt und seine Beine nicht mehr auf der Erde stehen, er seiner Heimat verlustig geht“, so Gauck selbstkritisch. Parteien wie die AfD böten „einen Schutzhafen für diejenigen, denen die Moderne zu windig ist“.

Keine Angst vor AfD-Regierung – aber klare Abgrenzung

Trotz seiner Fehleinschätzung zeigte sich Gauck gelassen gegenüber einer möglichen AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt. „Deutschland wird nicht untergehen“, sagte er. Vielmehr könne eine solche Regierung als „Weckruf“ für die etablierte Politik dienen. Zugleich sprach er sich entschieden gegen eine Koalition mit der AfD aus. „Ich bin der Meinung, dass sie falsch wählen, dass sie auf einem Irrweg sind“, betonte Gauck. Die Aufgabe der anderen Parteien sei es, einen Ministerpräsidenten aus den Reihen der AfD zu verhindern – notfalls auch mit Stimmen der Linken. Auf die Nachfrage von Markus Lanz, ob er wirklich „alles“ tun würde, um die AfD zu verhindern, antwortete Gauck klar: „Ja.“ Es gehe in der Politik „nicht immer um die Gestaltung des einzig Guten, manchmal um die Gestaltung des weniger Schlechten“. Deshalb müsse man „einem ungeliebten Bündnis mehr Zustimmung geben als dem Versuch: Lass sie doch mal regieren“.

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„Befestigte Grenze“ statt Brandmauer?

Gauck schlug zudem ein neues Bild für den Umgang mit der AfD vor: eine „befestigte Grenze“. „Dann kannst du Grenzübergänge regeln“, erklärte er. „Du kannst Grenzübergänge finden, wo du sie im Grunde genommen irgendwie würdigst.“ Ob dies ein Konkurrenzbegriff zur bisherigen „Brandmauer“ sein soll, blieb unklar. Moderator Lanz hakte an dieser Stelle nicht nach. Der Altbundespräsident verurteilte AfD-Wähler nicht pauschal als „Faschisten“, sondern forderte eine differenzierte Betrachtung.

Lob für Merz, Kritik an Trump

Neben der AfD äußerte sich Gauck auch zu aktuellen Politikern. Für Bundeskanzler Friedrich Merz fand er warme Worte. „In einer Anfangszeit eines neuen Gewerbes macht man möglicherweise ein paar kommunikative Fehler“, verteidigte er die rhetorischen Patzer des Kanzlers. Man müsse bei Merz nicht befürchten, „dass er uns irgendwo in die Irre führt“. Dessen Ziel sei klar: „Er will, dass dieses Land wieder nach vorn kommt.“ Scharfe Kritik übte Gauck hingegen an US-Präsident Donald Trump. „Er ist für mich ein unamerikanischer Präsident“, sagte er. Trumps Politik, die auf Deals weniger auf Kosten der Gesamtgesellschaft setze, nannte Gauck eine „wirklich überaus perverse Politikshow“.

Der Auftritt von Joachim Gauck bei Markus Lanz bot somit eine Mischung aus selbstkritischer Reflexion, gesellschaftlicher Analyse und politischer Positionsbestimmung – ohne dass Moderator Lanz an allen Stellen nachhakte.

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