Gianni Infantino dreht komplett frei: Vor den Vereinten Nationen „vereint“ er die Welt, dann überschüttet er Donald Trump mit Lob und nennt seine FIFA den „Bringer des Glücks für die Menschheit“. Anschließend gibt es die bizarrste Pressekonferenz aller Zeiten – eine Glitzer-Show, die den Fußball ins Niemandsland prügelt.
Eine Pressekonferenz der anderen Art
Erst einmal tänzeln die Cheerleader auf die Bühne. Der Bass wummert, Ohren platzen. Die grelle Lichtshow tut ihr Übriges für die Augen, und eine Anheizerin ruft die Menschen im Saal zu Anfeuerungsrufen für Argentinien und Spanien auf. Eigentlich sollte am Freitagabend in diesem Kongresszentrum in Manhattan die Abschluss-Pressekonferenz der Finalisten vor dem WM-Endspiel stattfinden. Doch stattdessen liefern die FIFA und ihr Präsident Infantino eine bizarre Show, in der es um alles geht – außer um Fußball.
Die Darbietung ist die Amerikanisierung des Fußballs in Reinform: die Giannisierung. Komplett Gaga. Erstmals können auch Fans an der „Pressekonferenz“ teilnehmen, und da sich die FIFA bekanntlich niemals lumpen lässt, müssen diese gut 80 US-Dollar pro Nase hinblättern. Mehr Kommerz geht nicht? Aber sicher, mit der FIFA immer. Wenn ein Foto mit Moderator und Ex-England-Verteidiger Rio Ferdinand gewünscht wird, darf gleich 170 Dollar blechen. Absurd.
Kevin Hart und Travis Scott statt Journalistenfragen
„Die Fans haben die seltene Gelegenheit, beide Finalisten nur wenige Tage vor dem WM-Finale auf der Bühne zu erleben“, lautete die Ankündigung vorab. „Besondere Gäste: Gianni Infantino, weitere Namen werden in Kürze bekannt gegeben.“ Zunächst passiert lange nichts. Die vielen Fans überbuhen die laute Partymusik. Ferdinand ruft Schauspieler Kevin Hart auf die Bühne. „Ich bin ein riesiger Messi-Fan“, teilt dieser sogleich ein großes Geheimnis mit. Die fünfminütige Unterhaltung zwischen dem Comedian und dem ehemaligen Profi ist eine, die niemand je gefordert oder gebraucht hat. Immerhin wird nun der WM-Pokal hinter einem schwarzen Tuch aufbereitet. Es läuft, weil die FIFA immer am Puls der Zeit ist, „All the Small Things“ von Blink-182 aus dem Jahr 1999.
Infantino erscheint am Ende überhaupt nicht, der FIFA-Boss hat Besseres in der Mega-Metropole zu tun. Er gibt am Freitag den Weltverbesserer bei den Vereinten Nationen und anschließend den Staatsmann mit Donald Trump im Trump-Tower. In diesen Rollen sieht Infantino sich am liebsten und zaubert bei den Vereinten Nationen einen der offiziellen Spielbälle vom WM-Finale hervor: Ganz der Showman bezeichnet er ihn als „ein magisches Objekt, das die Kraft hat, die Welt zu vereinen“.
Infantino bei den Vereinten Nationen: „Magisches Objekt“
„Wir hören es doch immer wieder, nicht wahr? Dass wir in einer gespaltenen Welt leben, dass wir in einer aggressiven Welt leben, dass es so viele Dinge gibt, die uns trennen und uns Probleme bereiten“, sagt Infantino. „Aber wenn es eine Sache gibt, die uns diese Weltmeisterschaft gezeigt hat und weiterhin zeigt –, dann dass es viel mehr Dinge gibt, die uns verbinden, als solche, die uns trennen.“ Dass der FIFA-Boss die WM in einem Land ausgerichtet hat, in dem während des Turniers eine beispiellose Welle von Razzien der ICE-Behörde stattfindet, die in der Erschießung von zwei Menschen gipfelt, erwähnt er nicht.
Zurück zur Party-Pressekonferenz, wo die Massen sich trotz der Eintrittspreise so sehr reindrängen, dass der Sicherheitsdienst hart durchgreifen muss. Am Ende sehen die Fans aber aufgrund des Journalistenpulks vor ihnen kaum etwas. Mittlerweile ist Rapper Travis Scott auf der Bühne, um den Fußball komplett zur Nebensache zu machen, und kündigt die „krankste Pressekonferenz aller Zeiten“ an. Es folgen ein argentinischer Aufputsch-Song und ein spanisches Volkslied mit Kastagnetten-Klängen.
Messi, Djokovic, Brady: Stars statt Sport
Jetzt aber. Ein unsichtbarer Ansager ruft die Finalisten unter ohrenbetäubender Musik und lautem Jubel auf die Bühne. Der spanische Trainer Luis de la Fuente und sein Kapitän Rodri wirken verloren und nehmen still auf zwei Hockern Platz. Nach Lionel Scaloni, dem argentinischen Coach, und seinem Torwart Emiliano Martínez kommt endlich der Moment, auf den alle im Saal warten: Lionel Messi betritt die Bühne. Die Reaktionen sind so wild, dass der Superstar sich gleich einmal verläuft und alle Mikrofone übersteuern. Auf seinem Platz angekommen, nehmen die „Messi“-Rufe kein Ende. Und nun? Schauspieler Hart klärt auf: „Das ist keine normale Pressekonferenz, hier stellen keine Journalisten die Fragen.“ Das übernehmen, um die Celebrity-Show immer absurder zu gestalten, ein paar Granden des Sports: Novak Djokovic, Tom Brady und Kevin Durant.
Es folgen mehr Handshakes als Fragen. Und der knallhart in die Mangel genommene Messi gibt zu, dass Fußball ein „Mannschaftssport“ sei und er diesen „schon als Kind auf der Straße spielt“ habe. Endlich ist es raus. Lamine Yamal nennt er „einen der Besten der Welt“ und sein berühmtes Foto mit ihm als Baby „verrückt“. Natürlich machen die Superstars noch ein Selfie, jegliche Marketing-Möglichkeit muss ausgenutzt werden. „Messi, danke für alles“, brüllt ein Fan.
Infantino bei Trump: „Bringer des Glücks für die Menschheit“
Auf der dritten Hochzeit tanzt Infantino dann wieder mit. Schließlich hat sein „guter Freund“ Donald Trump geladen. Beide stehen neben dem goldenen WM-Pokal, und wie so oft in Trumps Gegenwart kann Infantino nicht anders, als ihn mit Lob zu überschütten: „Sie brauchen keine Komplimente, Herr Präsident, aber ohne Sie wäre diese Weltmeisterschaft nicht zu einem so unglaublichen Erfolg geworden.“ Infantinos Anbiederung an mächtige Männer hat Historie. Stolz verweist er nun auf ausverkaufte Stadien und hohe Einschaltquoten als Beweis dafür, dass die größte Weltmeisterschaft aller Zeiten die Erwartungen erfüllt habe. Dass Trump zustimmend nickt, dürfte das Herz des FIFA-Bosses zum Hüpfen bringen. Seinen Weltverband nennt der Schweizer, in seiner ihm eigenen Bescheidenheit „den offiziellen Bringer des Glücks für die Menschheit“. Darüber, dass er die WM zu einem Turnier für Privilegierte und Zugehörige der Ober- und gehobenen Mittelschicht machte und dass etliche Ticketinhaber aus Afrika und Asien keine US-Visa erhielten, spricht er nicht. „Der amerikanische Traum, Herr Präsident, ist Wirklichkeit geworden“, sagt Infantino lieber. „Wir haben die Welt vereint.“
Kommerzialisierung ohne Grenzen
Die Glitzer-Pressekonferenz mit Messi, Djokovic und Brady findet auf dem Fanatics-Fanfest statt, wo Fans Merchandise-Artikel shoppen, ihren Idolen aus allen großen US-Sportarten lauschen oder eben gegen Geld Fotos mit ihnen machen können. Das passt zur FIFA-Kommerzialisierung, die Infantino unbeirrt vorantreibt. Nachdem der Weltverband in Katar einen Gewinn von 7,6 Milliarden US-Dollar machte, soll er diesmal laut Experten weitaus höher ausfallen. Die FIFA bahnte sich diesmal sogar den Weg in den Ticket-Wiederverkaufsmarkt und schnappte sich 15 Prozent sowohl vom Käufer als auch vom Verkäufer. Und Infantino bastelt bereits an einer WM mit 64 Teams, damit auch die mit Abstand bevölkerungsreichen Länder der Welt, Indien und China, mit Milliarden an Kunden vor Ort und am Bildschirm dabei sind.
Die bizarre Dreifach-Show Infantinos zeigt abermals, dass Geld, Sponsoren und große Namen sein Universum regieren. Mit der Einführung der fixen Trinkpausen hat der FIFA-Präsident die WM – und vielleicht auch den Fußball – für immer verändert. Denn dieses Wirtschaftsmodell ist so lukrativ, dass es zumindest beim Turnier des Weltverbands nie wieder abgeschafft werden dürfte. Laut Experten kosten 30 Sekunden Werbung beim US-Sender Fox zwischen 200.000 und 300.000 US-Dollar. Bei US-Spielen sogar bis 750.000.
Ein kleiner Lichtblick: Podolski
Die Giannisierung des Fußballs stellt den eigentlichen Sport aufs Abstellgleis. Prügelt ihn gewaltvoll ins Niemandsland. Immerhin, wenige Minuten vor Messi und eine Etage höher, spricht Rio-Weltmeister Lukas Podolski auf einer kleinen Bühne. Das wirkt noch wie alte Schule, wie echter Fußball. Etwa 20 Fans haben sich um ihn gescharrt, hier läuft keine Partymusik. Aber der Ertrag ist auch nicht größer als bei der Glitzershow: Podolski sagt, dass es nicht leicht ist, ein WM-Finale zu gewinnen, weil in einem Spiel schließlich alles passieren könne.



