Nato: Europäer können auch ohne USA militärisch handeln
Nato: Europas Handlungsfähigkeit ohne USA

Die Nato scheint gleichzeitig tot und lebendig zu sein. Es gibt eine Möglichkeit für die Europäer, innerhalb der Nato auch ohne amerikanische Führung und ohne die Zustimmung aller Bündnispartner militärisch zu handeln. Das schreibt Dr. Jana Puglierin, Head of Office and Senior Policy Fellow am European Council on Foreign Relations (ECFR), in einem Gastbeitrag.

Nato-Gipfel unter Trump: Von Gewissheit zu Unsicherheit

„Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand“, so ein deutsches Sprichwort. Für Nato-Gipfel galt lange das Gegenteil. Die Abschlusserklärung wird über Wochen und Monate im Voraus verhandelt. Die Vertreter der Mitgliedstaaten ringen um jedes Komma und versuchen, mögliche Konflikte auszuräumen. Wenn sich die Staats- und Regierungschefs schließlich treffen, steht das Ergebnis im Wesentlichen bereits fest.

Seit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus gilt diese Gewissheit allerdings nur noch eingeschränkt. Denn am Ende entscheidet nicht allein die sorgfältige Vorbereitung, sondern auch die Tagesform des amerikanischen Präsidenten.

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Der Gipfel in Ankara: Eine Trump-Show

Zum Zeitpunkt, an dem ich diese Kolumne schreibe, ist noch offen, wie der Nato-Gipfel in Ankara zu Ende gehen wird. An den Bemühungen des Gastgebers dürfte er jedenfalls nicht gescheitert sein. Nach dem königlichen Empfang in Den Haag im vergangenen Jahr setzte Recep Tayyip Erdoğan diesmal auf Kanonenschüsse, Reiterstaffel und Kampfjets, um den US-Präsidenten für sich zu gewinnen. Wie schon 2025 glich der Gipfel einer perfekt inszenierten Trump-Show.

Europas Handlungsoptionen innerhalb der Nato

Puglierin betont, dass die Europäer dennoch nicht handlungsunfähig seien. Sie könnten innerhalb der Nato auch ohne amerikanische Führung und ohne die Zustimmung aller Bündnispartner militärisch handeln. Dies erfordere jedoch politischen Willen und eine neue strategische Kultur. „Die Vorstellung, dass die Nato nur unter amerikanischer Führung funktioniert, ist überholt“, so Puglierin. „Europa muss bereit sein, mehr Verantwortung zu übernehmen – auch wenn das bedeutet, dass nicht alle 32 Mitglieder mitziehen.“

Ein neues Modell für das Bündnis

Die Expertin verweist auf das Konzept der „Koalition der Willigen“ innerhalb der Nato. Dieses Modell erlaube es einer Gruppe von Mitgliedstaaten, ohne Vetorecht einzelner Länder zu handeln. Voraussetzung sei eine klare rechtliche Basis und ein Mandat des Nordatlantikrats. „Die Nato ist kein starres System. Sie hat sich immer wieder angepasst“, schreibt Puglierin. „Jetzt ist der Moment für eine pragmatische Lösung, die Europas Sicherheit auch in Zeiten unberechenbarer US-Politik gewährleistet.“

Der Gastbeitrag erscheint am 9. Juli 2026. Puglierin plädiert für eine Neuausrichtung, die die Bündnisfähigkeit der Europäer stärkt und die Abhängigkeit von Washington reduziert.

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