Zwei Wochen vor dem Nato-Gipfel in Ankara hat Nato-Generalsekretär Mark Rutte am Mittwoch im Oval Office eine ungewöhnliche Taktik angewendet, um US-Präsident Donald Trump von Europas gestiegenem Verteidigungsbeitrag zu überzeugen. Statt einer großen Rede brachte der Niederländer Schautafeln mit, die in Dollar-Währung die Mehrausgaben der europäischen Nato-Partner und Kanadas seit 2017 visualisierten. Rutte weiß, dass Trump weniger mit Brüsseler Satzbau zu erreichen ist als mit Zahlen, Kurven und großen Diagrammen.
Trump grollt Europa wegen Iran-Krieg
Der Groll des US-Präsidenten gegenüber den europäischen Verbündeten hat seine Wurzeln in der Hochphase des Iran-Krieges. Trump wirft insbesondere Spanien, Italien, England und Deutschland vor, den USA zu spät, zu wenig oder gar nicht geholfen zu haben, um Teheran militärisch zu besiegen. Die Europäer hätten seine Erwartungshaltung enttäuscht, als sie nicht im Handumdrehen militärische Fähigkeiten zu Wasser und zu Lande zur Verfügung stellten. Rutte widersprach dieser Lesart nicht frontal, aber deutlich: „Ich weiß, dass es vereinzelte Fälle gab, über die Sie wirklich enttäuscht sind, aber im Großen und Ganzen haben Ihre europäischen Verbündeten Ihnen den Rücken gestärkt.“
Rutte präsentiert konkrete Zahlen
Schon am Vorabend bei Fox News hatte Rutte betont, Europa sei für die USA im Iran-Krieg eine „Plattform der Machtprojektion“ gewesen. Im Oval Office legte er nach: Tausende US-Flüge seien während des Krieges von europäischen Nato-Stützpunkten gestartet – in einer Größenordnung von „4000 bis 5000“ Einsätzen. In Bukarest habe zeitweise sogar der zivile Luftverkehr zurückstehen müssen, um US-Militärbewegungen Vorrang zu geben. Rutte lobte Trump für die Schwächung des iranischen Atomprogramms: „Das ist der Führer der freien Welt, der Verantwortung über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus für den Rest der Welt übernimmt.“ Seine Botschaft war jedoch unüberhörbar: Trumps Klage, Europa habe Amerika im Stich gelassen, stimme so nicht.
Steigende Verteidigungsausgaben und Aufträge für US-Industrie
Rutte hatte noch mehr im Gepäck. Seit 2017, seit Trumps erster Präsidentschaft, seien die Verteidigungsausgaben der europäischen Nato-Staaten und Kanadas um rund 1,2 Billionen Dollar gestiegen – ein Verdienst, der auf den massiven Druck des US-Präsidenten zurückgehe. Dazu kämen Aufträge europäischer Partner in Höhe von etwa 300 Milliarden Dollar an die amerikanische Rüstungsindustrie, die noch in der Pipeline steckten. Auf seinen Schautafeln hatte Rutte diese Zahlen in Diagrammen dargestellt, als sei es Nachhilfeunterricht für besonders Lernstutzige. Die Botschaft: Nato-Europa rüstet auf wie noch nie – und Amerika verdient prächtig daran.
Trumps Na-und-Miene und die Reaktion der Europäer
Rutte, der sich den Ruf eines Trump-Flüsterers erworben hat, beherrscht diese Form der Ansprache seit Jahren. Er widerspricht, indem er schmeichelt, und korrigiert, indem er dem Präsidenten die Korrektur als eigenen Erfolg verkauft. Dennoch war die Stimmung im Oval Office nicht gelöst. Verteidigungsminister Pete Hegseth und Vizepräsident JD Vance wirkten nicht überzeugt. Trump nahm Ruttes Zahlen zur Kenntnis, ohne sichtbar begeistert zu sein. Der Präsident, der Nato-Treffen gern als Konferenzen säumiger Beitragszahler inszeniert, bekam vor laufenden Kameras die Gegenrechnung präsentiert: mehr europäische Milliarden, mehr amerikanische Jobs, mehr militärische Nutzung europäischer Infrastruktur.
Italien widerspricht Ruttes Darstellung
Ruttes Rettungsversuch ist jedoch riskant. In Italien lösten seine Angaben über US-Flüge von dortigen Basen umgehend Widerspruch aus. Das Verteidigungsministerium in Rom nannte die Darstellung irreführend. Italien habe logistische und technische Flüge erlaubt, aber keinerlei offensive Kampfeinsätze. Genau darin liegt das Dilemma der Nato vor Ankara: Rutte versucht, Trump zu beweisen, dass Europa geholfen hat, während manche Europäer zu Hause nicht so laut hören möchten, wie sehr sie geholfen haben. Ob die Wogen bis zum Gipfel geglättet werden können, hängt weniger an der Buchhaltung als an Trumps Launenhaftigkeit.



