Selenskyj ernennt Drapatyj: Ende einer monatelangen Krise
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Generalmajor Mychajlo Drapatyj zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte ernannt. Der 43-jährige Drapatyj löst Oleksandr Syrskyj ab, der nach wochenlangen öffentlichen Protesten und einem heftigen Machtkampf innerhalb der Militärführung entlassen wurde. Die Entscheidung folgt auf Demonstrationen in Kiew, bei denen die Rückkehr des beliebten Ex-Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow und die Entlassung Syrskyjs gefordert worden waren.
Drapatyj: Vom Donbass-Helden zum Armeechef
Drapatyj machte sich bereits im Donbass-Krieg 2014 einen Namen, als er mit seinem Bataillon der 82. Panzerbrigade eingekesselte ukrainische Polizisten befreite. Dabei fuhr er selbst im ersten Panzer der Kolonne. Im Juni 2014 geriet seine Einheit an der russischen Grenze in eine 28-tägige Umzingelung, aus der er 260 Soldaten retten konnte. Im vollumfänglichen Krieg gegen Russland war er maßgeblich an der Befreiung von Cherson im November 2022 beteiligt, einem der größten Erfolge der ukrainischen Armee. Mitte 2024 wurde er als „Feuermann“ in die Region Charkiw geschickt, um die dortige russische Offensive zu stoppen – mit Erfolg.
Rückschläge und Rücktritt
Allerdings gab es auch Rückschläge: 2025 trat Drapatyj als Kommandeur der Landstreitkräfte zurück, nachdem Russen einen Übungsplatz in der Region Sumy nahe der Grenze getroffen hatten. Er übernahm die Verantwortung, kritisierte aber die Praxis, Soldaten in Frontnähe auszubilden. Danach wurde er zum Kommandeur der Vereinigten Kräfte ernannt, einer Truppengattung für strategische Operationen. Zuletzt trat er militärisch weniger in Erscheinung, auch weil das Verhältnis zu Syrskyj aufgrund interner Konkurrenz schwierig war.
Machtkampf zwischen drei Fraktionen
Die ukrainische Militärführung ist in drei Fraktionen gespalten: die „jungen Donbass-Generäle“ um Drapatyj, die „Syrskyj-Fraktion“ und die Vertrauten von Syrskyjs Vorgänger Walerij Saluschnyj, der heute Botschafter in London ist. Selenskyj stand vor einem Drahtseilakt: Ursprünglich hatte er mehr als zehn Kandidaten für den Posten des Armeechefs in Betracht gezogen, darunter auch den 39-jährigen Kommandeur der Luftsturmtruppen, Oleh Apostol. Apostol gehört jedoch der Syrskyj-Fraktion an, was seine Ernennung schwierig gemacht hätte. Drapatyj hingegen gilt als Vertreter der Donbass-Fraktion.
Fedorow bleibt außen vor
Selenskyj lehnte die Rückkehr Fedorows ins Verteidigungsministerium ab, trotz öffentlichen Drucks. Der 35-jährige Reformer soll stattdessen eine „würdige neue Position im Bereich der Entwicklung der technologischen Komponente des Staates“ erhalten. Die Gespräche zwischen Selenskyj und Fedorow dauern an; ein Treffen soll rund sechs Stunden gedauert haben. Fedorow hatte mit seiner Rückkehr gepokert, muss sich nun aber entscheiden, ob er ein anderes Amt annimmt.
Strategische Risiken und Chancen
Die Ernennung Drapatyjs birgt Risiken: Sie könnte als Teilsieg der Straßenproteste gesehen werden. Militärisch gilt Drapatyj jedoch als vielversprechend. Ihm werden weitreichende strategische Fähigkeiten nachgesagt. Anders als seine Vorgänger wird er nicht mit einem persönlichen Vertrauten als Generalstabschef zusammenarbeiten, sondern mit Ihor Skybjuk, der Syrskyj nahesteht. Skybjuk hatte sich bei der Befreiung der Region Charkiw 2022 einen exzellenten Ruf erarbeitet. Selenskyj hält ihn im Amt, um keine der drei mächtigen Fraktionen vor den Kopf zu stoßen.
Ausblick: Drapatyjs Bewährungsprobe
Drapatyj steht nun vor der Aufgabe, die ukrainische Armee in einem schwierigen Krieg zu führen. Seine Fähigkeit, strategisch zu denken und Fraktionen zu einen, wird entscheidend sein. Die ukrainische Zivilgesellschaft und viele Militärangehörige reagierten erleichtert auf seine Ernennung. Sollte er scheitern, droht eine weitere Eskalation der internen Konflikte – mitten im Verteidigungskrieg gegen Russland.



