Sir Keir Starmer, der britische Premierminister, ist zurückgetreten. Sein politisches Ende kommt nicht überraschend: Der 63-Jährige wusste nie so recht, was er wollte. Diese chronische Unentschlossenheit hat ihn nun das Amt gekostet. Dabei hätte die rettende Idee zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum auf der Hand gelegen: eine pragmatische Neuausrichtung der Beziehungen zur Europäischen Union.
Ein Premier ohne klares Profil
Starmer, der 2024 die Nachfolge von Rishi Sunak antrat, galt stets als mehr Verwalter als Politiker. Sein Führungsstil war von Zögern und Abwägen geprägt, was in einer Zeit großer Herausforderungen – von der Wirtschaftskrise bis zum Ukraine-Krieg – fatal war. Anders als seine Vorgängerin Margaret Thatcher, die für klare Prinzipien stand, hinterließ Starmer kein politisches Vermächtnis.
Der Druck auf ihn wuchs in den letzten Monaten kontinuierlich. Innerparteiliche Kritiker warfen ihm vor, keine eigene Agenda zu haben und stattdessen nur auf Umfragen zu reagieren. Die Zustimmungswerte seiner Labour Party fielen auf ein Rekordtief von 22 Prozent, wie eine Umfrage von YouGov im Mai 2026 ergab.
Die verpasste Chance: Brexit-Korrektur
Ausgerechnet das Thema Brexit, das Starmer einst als Brexit-Befürworter unterstützt hatte, hätte ihm zum Erfolg verhelfen können. Zehn Jahre nach dem Referendum von 2016 zeigten sich die wirtschaftlichen Schäden des EU-Austritts deutlich: Das britische Bruttoinlandsprodukt lag Schätzungen zufolge um 4 Prozent niedriger als bei einem Verbleib in der EU. Eine pragmatische Annäherung an die EU, etwa durch ein neues Handelsabkommen oder eine Zollunion, hätte nicht nur wirtschaftliche Vorteile gebracht, sondern auch der Bevölkerung signalisiert, dass die Regierung aus den Fehlern der Vergangenheit lernt.
Doch Starmer zögerte. Stattdessen versuchte er, es allen recht zu machen – und scheiterte damit. „Er hatte die Chance, Geschichte zu schreiben, aber er hat sie vertan“, kommentierte der Politikwissenschaftler Tim Bale von der Queen Mary University of London.
Rücktritt und Reaktionen
Am 23. Juni 2026 gab Starmer seinen Rücktritt bekannt. In einer kurzen Erklärung vor der Downing Street sagte er: „Ich habe mein Bestes gegeben, aber das Land braucht eine neue Führung.“ Die Reaktionen fielen gemischt aus. Während seine Anhänger ihn als ehrenhaften Mann würdigten, der unter schwierigen Umständen regierte, zeigten sich Kritiker erleichtert. „Endlich geht er“, sagte ein namentlich nicht genannter Labour-Abgeordneter der BBC. „Wir brauchen jemanden, der Entscheidungen trifft.“
Die Nachfolge ist noch ungeklärt. Als mögliche Kandidaten gelten Schatzkanzlerin Rachel Reeves und Außenminister David Lammy. Beide gelten als entschlossener als Starmer, stehen aber vor der gleichen Herausforderung: Sie müssen das Vertrauen der Wähler zurückgewinnen und eine klare politische Linie finden.
Ein Land in der Krise
Großbritannien steht vor enormen Problemen. Die Inflation liegt bei 4,5 Prozent, die Energiekosten sind hoch, und der Nationale Gesundheitsdienst (NHS) kämpft mit Personalmangel und langen Wartezeiten. Hinzu kommt die ungelöste Frage der nordirischen Grenze, die durch das Brexit-Protokoll immer wieder für Spannungen sorgt.
Starmers Rücktritt markiert das Ende einer Ära der Unentschlossenheit. Ob sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin die Kurve kriegen wird, bleibt abzuwarten. Fest steht: Die Zeit für klare Entscheidungen ist reif.



