Nahe der Front in der Ostukraine kann eine routinemäßige Versorgungsfahrt ein Todesurteil sein. Minen, Artillerie und ein von Drohnen beherrschter Himmel haben die sogenannte Todeszone ausgeweitet – und bedrohen jeden Soldaten, der Lebensmittel oder Munition in die Schützengräben bringt. „Wenn man einen menschlichen Fahrer schickt, um solche Dinge zu liefern, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er getötet wird“, sagt Andrii Kushnierov, ein Zugführer der 59. Sturmbrigade der Ukraine, gegenüber BUSINESS INSIDER (gehört wie BILD zum Axel Springer Global Reporters Network).
Also schickt die Ukraine zunehmend Roboter. BUSINESS INSIDER besuchte eine Fabrik in der Region um Kiew, weit hinter der Front, wo Arbeiter diese neue Generation von Schlachtfeldrobotern in hohem Tempo zusammenbauen. Auf den ersten Blick erinnern die Gefährte an militärische Golfwagen – doch sie haben weder Sitze noch Lenkräder, keinen Platz für einen Fahrer.
Roboter ersetzen Menschen an der Front
Sie sind nicht dafür gebaut, Menschen zu transportieren, sondern um Menschen zu ersetzen. Ausgestattet mit Elektronik, geländetauglichen Reifen und Sensoren, rollen sie an die Front: Die Roboter transportieren Munition, evakuieren Verwundete, verlegen Minen, starten Drohnen und greifen sogar russische Stellungen an. Das Problem: Einige werden schon wenige Tage nach ihrem Einsatz zerstört. Für die Ukraine ist das ein kalkulierter Verlust. Heißt aber auch: Es werden ständig neue gebraucht.
Von der Straßenlaterne zum Roboter-Bauer
Einer der Produzenten ist Taras Ostapchuk. Vor der Vollinvasion stellte er Straßenlaternen her. Heute ist er CEO von Ratel Robotics – das Unternehmen baute Ende 2023 seinen ersten Bodenroboter. Eine kleine Maschine, vollgepackt mit Panzerabwehrminen, die auf russische Ziele zufahren und dort detonieren sollte.
Seine rund 350 Mitarbeiter produzieren Hunderte unbemannter Bodenfahrzeuge (UGVs) pro Monat. Je nach Größe und Funktion kosten die Roboter zwischen 1700 und 35.000 Euro; damit liegen sie laut Ostapchuk weit unter vergleichbaren europäischen Systemen. Die Maschinen, die Ratels Hallen verlassen, sind für genau jene Aufgaben gebaut, die ukrainische Soldaten zunehmend meiden: Hunderte Kilogramm Fracht und Munition über das Schlachtfeld schleppen, Minen verlegen, Verwundete evakuieren, FPV-Drohnen (First-Person-View) starten, russische Außenposten angreifen.
Ratel rüstet seine Roboter seit diesem Jahr mit Splitterschutzpanzerung nach – eine Art Mini-Panzer. Zudem entwickelt das Unternehmen eine Technologie, mit der Roboter Netze gegen anfliegende russische FPV-Drohnen abfeuern können. Ratels Roboter sind auch gegen elektronische Kriegsführung gewappnet, die auf dem Schlachtfeld allgegenwärtig ist. Mehrere Kameras geben den Bedienern eine 360-Grad-Sicht. Manche Roboter sind mit Türklingelkameras ausgestattet – so können Bediener mit verwundeten Soldaten sprechen, während die Maschine sie von der Front wegbringt.
Bei Ratel geht es schnell: von der Fabrikhalle über die Trainingsstrecke direkt an die Front. In einer Halle wird montiert, in der nächsten wird geübt – und die Einheiten an der Front fordern ständig Nachschub, weil die Maschinen im harten Fronteinsatz selten lange überleben.
Ukraine bestellt tausende Bodenroboter
Für die erste Hälfte des Jahres 2026 hat die Ukraine 25.000 Bodenroboter bestellt. Das sind doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2025. Bis Jahresende sollen es 50.000 sein. Schon heute liefern 550 verschiedene Modelle von 280 Unternehmen jede Woche Hunderte Tonnen Fracht an die Front, sagt Andrii Hrytseniuk, CEO der staatlich geförderten Innovationsplattform Brave1.



