UN-Chef warnt vor Kriegsverbrechen im Iran-Konflikt
In einem exklusiven Interview mit der Global Reporterin Anne McElvoy von Politico hat UN-Generalsekretär António Guterres (76) deutliche Worte zum eskalierenden Iran-Konflikt gefunden. Während eines Besuchs in Brüssel vor dem Europäischen Rat am Donnerstag erklärte der oberste Diplomat der Vereinten Nationen, dass es hinreichende Gründe für die Annahme von Kriegsverbrechen gebe.
Angriffe auf Energieinfrastruktur als mögliche Verbrechen
„Wenn es Angriffe auf Energieinfrastruktur gibt – sei es gegen Iran oder von Iran ausgehend –, dann gibt es aus meiner Sicht hinreichende Gründe anzunehmen, dass diese ein Kriegsverbrechen darstellen könnten“, sagte Guterres mit Nachdruck. Diese Aussage bezieht sich konkret auf den israelischen Angriff auf das iranische Erdgasfeld South Pars am Mittwoch sowie den iranischen Gegenschlag auf einen Energiekomplex in Katar.
Der UN-Generalsekretär machte deutlich, dass die steigende Zahl ziviler Opfer beide Konfliktparteien potenziellen Anklagen wegen Kriegsverbrechen aussetze. „Ich sehe keinen Unterschied. Es spielt keine Rolle, wer Zivilisten ins Visier nimmt. Das ist völlig inakzeptabel“, betonte er mit ernster Miene. Vertreter der US-amerikanischen und israelischen Regierung reagierten auf entsprechende Anfragen zunächst nicht.
Appell an die USA: Trump muss handeln
Seit Kriegsbeginn am 28. Februar hat Guterres wiederholt zu Deeskalation aufgerufen. Im Politico-Interview für den Podcast „EU Confidential“ wird seine Position noch deutlicher: „Der Krieg muss beendet werden (...) und ich bin der Überzeugung, dass es in der Hand der USA liegt, ihn zu beenden“, erklärte der UN-Chef.
Aus seiner Sicht verfolgt Israel eine klare Strategie: „die militärischen Fähigkeiten Irans vollständig zu zerstören und einen Regimewechsel herbeizuführen“. Dem gegenüber stehe Irans Taktik, möglichst lange Widerstand zu leisten und maximalen Schaden anzurichten. Die Lösung liege daher bei den Vereinigten Staaten: „Der Schlüssel zur Lösung des Problems liegt darin, dass die USA erklären, ihre Aufgabe erfüllt zu haben“.
Spannungen mit der Trump-Regierung
Die Beziehungen zwischen den Vereinten Nationen und der US-Regierung unter Donald Trump bleiben angespannt. Auf die Frage, ob er seit Beginn des Konflikts vor drei Wochen mit dem US-Präsidenten gesprochen habe, antwortete Guterres nachdrücklich: „Nein, nein, nein (...) Ich spreche mit denen, mit denen ich sprechen muss“. Dazu zählten „alle Seiten“ des Konflikts sowie zumindest Mitglieder der Trump-Regierung.
Guterres führte die Entscheidung der USA, Angriffe auf Iran zu starten, direkt auf israelischen Einfluss zurück: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass dies im Einklang mit Israels Strategie steht: die Vereinigten Staaten in einen Krieg hineinzuziehen“. Dieses Ziel sei erreicht worden, verursache aber enormes Leid in der Region und habe verheerende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.
Russland als Profiteur des Konflikts
Aus Sicht des UN-Generalsekretärs profitiert vor allem Russland von der Eskalation im Nahen Osten. Moskau begrüße die Ablenkung vom Ukraine-Krieg, was die geopolitischen Spannungen zusätzlich verschärfe. Das größte Gasfeld der Welt, South Pars, sei zum Kriegsziel geworden – der iranische Teil dient vor allem der inländischen Versorgung und steht nun im Zentrum der Auseinandersetzungen.
Anne McElvoy, Mitglied des Global Reporters Network von Axel Springer und leitende Redakteurin bei POLITICO, führte das aufschlussreiche Interview, das tiefe Einblicke in die diplomatischen Bemühungen der Vereinten Nationen bietet. Die dringende Forderung des UN-Chefs bleibt klar: Ein sofortiges Ende der Kämpfe, bevor weitere zivile Opfer zu beklagen sind und die Weltwirtschaft noch stärker in Mitleidenschaft gezogen wird.



