Historikerin fordert Gleichberechtigung in der Wehrpflicht-Debatte
Angesichts der unzureichenden militärischen Abschreckungsfähigkeit Deutschlands hat die Historikerin Karen Hagemann eine grundlegende Neuausrichtung der Wehrpflicht-Debatte gefordert. „Es kann nicht sein, dass wir Frauen heute sagen, die Männer müssen uns verteidigen“, erklärte die Wissenschaftlerin im Interview mit dem SPIEGEL. Sie kritisierte damit die ungleiche Verteilung von Verteidigungslasten zwischen den Geschlechtern und verwies auf historische Prägungen, die das Verhältnis der Deutschen zum Militär bis heute beeinflussen.
Historische Prägungen des Militärs in Deutschland
Hagemann betonte, dass die deutsche Gesellschaft durch lange Friedenszeiten und eine kritische Haltung gegenüber dem Militär geprägt sei. Dies habe dazu geführt, dass die Bundeswehr und die allgemeine Wehrpflicht in der öffentlichen Wahrnehmung eine untergeordnete Rolle spielten. „Die Befriedung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg hat uns in Sicherheit gewiegt“, so die Historikerin. „Doch die aktuellen Bedrohungen zeigen, dass wir dieses Erbe überdenken müssen.“ Sie verwies auf die veränderten sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen, die eine breite gesellschaftliche Debatte über die Rolle des Militärs und die Verteilung von Verteidigungspflichten erforderten.
Konkrete Forderungen für die Gegenwart
Die Historikerin plädierte dafür, die Wehrpflicht nicht nur auf Männer zu beschränken, sondern alle Geschlechter gleichermaßen in die Pflicht zu nehmen. „Eine moderne Armee kann nicht auf halber Strecke stehen bleiben“, sagte Hagemann. Sie forderte eine umfassende Reform, die sowohl die Wehrpflicht als auch die zivilen Verteidigungsstrukturen neu definiert. Dabei müsse auch die historische Erfahrung der deutschen Teilung und der Wiederbewaffnung berücksichtigt werden. „Wir müssen aus der Geschichte lernen, um für die Zukunft gewappnet zu sein“, so die Expertin.
Reaktionen auf die Debatte
Die Forderungen Hagemanns stoßen in der politischen Landschaft auf geteiltes Echo. Während Befürworter einer geschlechtergerechten Wehrpflicht die Argumente der Historikerin aufgreifen, warnen Kritiker vor einer Überlastung der Gesellschaft. Die Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht oder die Einführung eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres wird seit Jahren geführt, hat aber durch die veränderte Sicherheitslage in Europa neuen Auftrieb erhalten. Hagemanns Interview dürfte die Debatte weiter anheizen und die Forderung nach einer gleichberechtigten Beteiligung aller Geschlechter an der Landesverteidigung in den Mittelpunkt rücken.



