Jürgen Klopp ist von seinem WM-Experten-Job in den USA zurückgekehrt und hat dabei deutlich gemacht, dass die deutschen Fans sich auf magere Jahre einstellen müssen. Der designierte Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft dämpfte in seinen letzten TV-Auftritten als Experte die Titelhoffnungen und kritisierte zugleich die undichten Stellen im Deutschen Fußball-Bund (DFB).
Klopp warnt vor überzogenen Erwartungen
„Wir müssen Erwartungshaltungen kreieren, die man erfüllen kann, wo man auch tendenziell überperformen kann, damit geht es schon mal los“, sagte Klopp bei MagentaTV. Damit stellt er sich gegen die forsche Titelansage seines Vorgängers Julian Nagelsmann nach der Heim-EM. Die Zeiten, in denen Deutschland automatisch als Titelkandidat galt, seien vorbei. Klopp scheute sich auch nicht, an seinem künftigen Arbeitgeber Kritik zu üben: Zu viele Details über sein Engagement seien in den vergangenen Tagen durchgesickert. „Wir sprechen aber mit einem Verband und viele Personen müssen informiert werden“, sagte er und deutete an, dass die Indiskretionen aus dem großen DFB-Zirkel kamen.
Klopp vermisst Kern der WM-Analyse
Der 59-Jährige zeigte sich unzufrieden mit der Kakophonie der Experten in der WM-Aufarbeitung. „Aber nicht die großen Reden schwingen, was alle gemacht haben die letzten Wochen, weil alle die Diagnose schon abgeschlossen haben, das fehlt uns, das fehlt uns, das fehlt uns“, polterte Klopp. „Wir kreieren nur Schlagzeilen und nichts davon trifft den Kern.“ Für ihn liegt der Kern in der fußballerischen Überlegenheit Spaniens, das einmal mehr als Weltmeister Maßstäbe setzt. „Dann vergleichen wir uns mit Spanien. Es hat ewig gedauert, bis die Spanier so aussehen, wie sie heute aussehen“, sagte Klopp zur Perspektive, den Weltmeister irgendwann einzuholen.
Vertragsdetails und Vorstellungstermin
In den kommenden Tagen geht es um den Startschuss für Klopps Amtszeit. Nach jetzigem Planungsstand soll die Vorstellung am Freitag in Frankfurt erfolgen, einen Tag nach dem 39. Geburtstag von Vorgänger Nagelsmann. Klopp soll einen Vertrag bis zur WM 2030 unterschreiben, dem noch die DFB-Gremien – Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung – zustimmen müssen. DFB-Präsident Bernd Neuendorf dürfte die Funktionäre bald zur nächsten digitalen Schalte einladen. Die Kompensation, die der DFB an Red Bull zahlen muss, ist noch nicht bekannt. Klopp hatte sein Engagement bei Red Bull als weltweiter Fußball-Stratege im TV selbst als erledigt bezeichnet: „Ich habe eine Einigung und eine Regelung mit Red Bull gefunden, eine sehr, sehr großzügige Regelung, wenn man so will.“
Mertesacker als möglicher DFB-Geschäftsführer
Im Schatten des Klopp-Hypes bahnt sich eine weitere Personalie an: Per Mertesacker ist in der Pole-Position für den ab Jahresende vakanten Job als DFB-Geschäftsführer und Nachfolger von Andreas Rettig. „Man muss dem DFB eins lassen: Der Kontakt zu mir ist irgendwie nie abgerissen. In der letzten Woche ist nochmal ein bisschen Dynamik reingekommen. Wir unterhalten uns sozusagen. Aber es gibt noch nichts zu verkünden“, sagte Mertesacker als ZDF-Experte beim WM-Finale. Formal würde er in dem Job sogar zum Chef des Bundestrainers werden. Klopp und Mertesacker haben in der Premier League gelernt – Klopp beim FC Liverpool, Mertesacker als Leiter der Jugendakademie des FC Arsenal – und werden in England hoch geschätzt.
Liebeserklärung von Robbie Williams
Megastar Robbie Williams schwärmte in der Expertenrunde von Klopp: „Wir lieben ihn. Er ist der Einzige, der (in England) überhaupt keine Probleme hatte. Wir lieben ihn.“ Klopp hatte zuvor einen Scherz über Williams' Unterwäsche gemacht: „Als ich ihn das letzte Mal getroffen habe, trug er nur Unterwäsche.“ Auch Thomas Müller und Mats Hummels amüsierten sich.
Erste Länderspiele im September
Ernst wird es für Klopp schnell: Im September und Oktober wird sein Wirken erstmals bei Länderspielen analysiert, wenn Deutschland in der Nations League zuerst in den Niederlanden und dann gegen Serbien und zweimal Griechenland antritt. Klopp zeigte sich etwas erschrocken, dass es nur noch „60 Tage“ seien bis zum ersten Spiel – genau genommen sind es 66. Am 24. September kommt es in Amsterdam zum Duell mit Oranje. Bis dahin muss ein Klopp-Credo greifen: „Zu dem Spiel gehört, dass man sich frei fühlt, dass man überperformen kann und nicht ständig das Gefühl hat: Wir sind nicht gut genug, wir machen es niemandem Recht.“



