Grüne setzen auf maskulines Auftreten: Mit Muskeln gegen die AfD
Mit bewusst maskulinem Auftreten wollen Grünen-Politiker im Fitnessstudio Männer von ihrem Programm überzeugen. Der 22-jährige österreichische Landtagsabgeordnete Theo Löcker präsentiert sich in sozialen Medien mit nacktem Oberkörper und Bodybuilder-Pose – ein Bild, das auf den ersten Blick nicht zum klassischen Image seiner Partei passt. „Als junger Mann schwebt man ein bisschen im Vakuum der Orientierungslosigkeit“, sagt Löcker im Gespräch mit dieser Redaktion. Er will eine neue Debatte über Feminismus und Männlichkeit anstoßen und die Partei für fitnessbegeisterte Männer öffnen. Doch das löst vor allem innerparteilichen Knatsch aus.
Manifest „Starke Männer übernehmen Verantwortung“
Anfang Juli hatten 15 Grünen-Politiker aus Deutschland, Österreich und Südtirol das Manifest „Starke Männer übernehmen Verantwortung – Eine Einladung für moderne Männlichkeit“ veröffentlicht. Unter den Unterzeichnern waren die Parteivorsitzende Franziska Brantner, ihre Vorgängerin Ricarda Lang und Löcker. Ihre Sorge: Influencer aus der sogenannten Manosphere – antifeministischen, patriarchal geprägten Gruppen – und rechte Politiker würden den Begriff „Männlichkeit“ definieren. Mit dem Papier wollten sie eine neue Debatte über Rollenbilder anstoßen, um nicht den Rechten das Feld kampflos zu überlassen.
Kritik an Inszenierung im Fitnessstudio
Der „Spiegel“ berichtete zuerst über das grüne Männermanifest und begleitete den Bundestagsabgeordneten Julian Joswig, einen der Initiatoren, samt Fotografen ins Fitnessstudio. Auch der frühere Parteivorsitzende Anton Hofreiter wurde von Reportern zum Boxen begleitet. Viele in der Partei waren unglücklich über diese klischeehaft maskuline Inszenierung. Marla Hanenberg, Pressesprecherin der Grünen Jugend, sagt auf Nachfrage: „Wir haben entschieden, uns dazu nicht mehr öffentlich zu äußern, gerade weil wir der Überzeugung sind, dass es aktuell andere Themen gibt, beispielsweise die Hitzewellen oder die Ostwahlen, die mehr Aufmerksamkeit benötigen.“
Wählerwanderung: Junge Männer wählen rechts
Die Sorge der Verfasser ist berechtigt: Bei der vergangenen Bundestagswahl 2025 wählten 25 Prozent der Männer zwischen 18 und 24 Jahren die AfD, aber nur 13 Prozent der Frauen in dieser Altersgruppe. Hans Vorländer, Politikwissenschaftler an der TU Dresden und Direktor des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung, erklärt: „Die Grünen haben bei der letzten Bundestagswahl dramatisch verloren. Gerade bei Jungwählern findet die Partei heute kaum mehr statt.“ Die Grünen versuchten mit dem Manifest, in der stark polarisierten Jungwählerschaft zwischen Linken und AfD ein eigenes Profil zu entwickeln. Doch die Partei habe ein Glaubwürdigkeitsproblem: „Denn sie versuchen jetzt ein Männlichkeits- oder Geschlechterbild zu rekonstruieren, das sie über lange Zeit bekämpft haben“, so Vorländer.
Eigenes Versäumnis eingeräumt
Die Autoren des Manifests gestehen ein: „Wir haben definiert, was Männer nicht sein sollen: nicht gewalttätig, nicht dominant, nicht unterdrückend. Alles richtig. Alles wichtig. Aber wir haben vergessen, ein Angebot zu machen, was Männlichkeit stattdessen sein kann. Wir haben ein Vakuum geschaffen, und in dieses Vakuum strömen jetzt die alten Bilder zurück.“ Löcker verteidigt das Papier: „Wenn ich junge Männer mit feministischen Inhalten erreichen will, dann muss ich sie dort abholen, wo sie sind.“ Er selbst sei als Jugendlicher Sport-Influencern gefolgt, die oft ein konservatives Geschlechterbild vertreten. „Man rutscht da schnell rein“, sagt er.
Zweischneidige Strategie vor den Ostwahlen
Der Kölner Soziologe Ansgar Hudde sagt: „Die Strategie, so ein Manifest zu veröffentlichen, ist mindestens zweischneidig.“ Zwar erwarte er keinen allzu großen Effekt auf die Landtagswahl, bezweifle aber, dass es die betroffene Wählerschaft erreichen oder umstimmen könne. „Ich bezweifle, dass es eine Lücke zu füllen gibt für Politiker, die in Manifesten aufschreiben, wie Männer sein dürfen.“ Die Sorge, der Partei vor den wichtigen Ostwahlen einen Bärendienst erwiesen zu haben, geht um.



