Die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) plant eine Verschärfung der Attestpflicht: Künftig soll bereits ab dem ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest beim Arbeitgeber vorgelegt werden müssen. Bislang reicht eine Krankschreibung ab dem vierten Tag. Mit dieser Maßnahme will die Koalition aus CDU/CSU und SPD der Wirtschaft entgegenkommen und die hohen Krankenstände in Deutschland senken.
Hintergrund der Reform
Bundeskanzler Merz hatte sich bereits früh kritisch zu den Fehlzeiten deutscher Arbeitnehmer geäußert. „Deutsche seien zu oft krank, Fehlzeiten im Job auch im europäischen Vergleich zu hoch“, so der Kanzler. Um volkswirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen, müsse insgesamt wieder mehr gearbeitet werden. Die neue Regelung ist Teil eines Reformpakets der schwarz-roten Koalition.
Die Annahme hinter der verschärften Attestpflicht: Wer wirklich krank ist, habe nichts dagegen, einen Arzt aufzusuchen. Dadurch soll das sogenannte „Krankfeiern“ unterbunden werden. Zudem würde dies auch die hart arbeitenden Kollegen entlasten, die bei ständigen Fehlzeiten anderer mehr Belastung tragen müssten.
Kritik an der Ausgestaltung
Doch die geplante Regelung stößt auf Bedenken. Dominik Bath, Redakteur für Politik & Wirtschaft in der FUNKE Zentralredaktion, kommentiert: „Grundsätzlich ist es richtig, die Hürden für das Krankschreiben zu erhöhen. Wer das viel beschworene ‚Krankfeiern‘ unterbinden will, kann gar nicht anders.“ Jedoch komme es auf die Ausgestaltung an. „Die Risiken liegen auf der Hand. Wenn Millionen Beschäftigte künftig schon am ersten Krankheitstag in die Praxis müssen, drohen überfüllte Wartezimmer und noch weniger Zeit für medizinisch wirklich schwerwiegende Fälle.“
Hinzu kommt ein bemerkenswerter Widerspruch: Eigentlich will Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) die Arztbesuche reduzieren und das Gesundheitswesen entlasten. Die neue Attestpflicht könnte jedoch genau das Gegenteil bewirken. „Kommt es jetzt anders, wäre das zumindest ein bemerkenswerter Widerspruch zu den Plänen von Gesundheitsministerin Nina Warken“, so Bath.
Auswirkungen auf Arbeitnehmer und Ärzte
Die geplante Änderung betrifft Millionen Beschäftigte in Deutschland. Statt wie bisher erst ab dem vierten Krankheitstag müssen sie künftig bereits am ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen. Dies könnte zu einem Ansturm auf die Arztpraxen führen, insbesondere in der Grippesaison. Ärzte befürchten, dass sie noch weniger Zeit für schwere Fälle haben und die Wartezeiten für Patienten steigen.
Gleichzeitig soll die Maßnahme die Produktivität steigern und die hohen Krankenstände senken. Laut Statistischem Bundesamt lag der Krankenstand in Deutschland im Jahr 2025 bei durchschnittlich 5,2 Prozent – ein Spitzenwert im europäischen Vergleich. Die Koalition erhofft sich durch die verschärfte Attestpflicht eine Reduzierung der Fehlzeiten um bis zu 0,5 Prozentpunkte.
Reaktionen aus der Politik
Während die Koalition die Reform als notwendigen Schritt zur Stärkung der Wirtschaft verteidigt, gibt es auch Kritik aus der Opposition. Die Grünen warnen vor einer „Bürokratisierung des Krankseins“ und fordern stattdessen mehr Prävention und bessere Arbeitsbedingungen. Die Linke spricht von einer „Schikane gegen Kranke“ und fordert den Erhalt der bisherigen Regelung.
Ob die Reform tatsächlich kommt, ist noch nicht endgültig beschlossen. Der Gesetzentwurf soll im Herbst 2026 im Bundestag beraten werden. Bis dahin bleibt die aktuelle Regelung gültig: Ein Attest ist erst ab dem vierten Krankheitstag nötig.



