Lothar Matthäus, Rekordnationalspieler und Weltmeister von 1990, hat in seiner WM-Kolumne die tiefgreifenden Probleme des deutschen Fußballs analysiert und klare Forderungen an den designierten Bundestrainer Jürgen Klopp gestellt. Ausgangspunkt seiner Kritik ist die Aussage von Toni Kroos, der nach dem WM-Aus feststellte: „Wir haben aktuell keinen einzigen Weltklassespieler. Wir haben Spieler mit Weltklasse-Potenzial, aber das heißt noch lange nicht, dass sie Weltklasse sind.“ Matthäus pflichtet Kroos bei und betont, dass ein bloßer Trainerwechsel nicht ausreiche, um die Krise zu beheben.
Versäumnisse der letzten zehn Jahre
Matthäus sieht die Ursachen der Misere in einer systematischen Vernachlässigung der Nachwuchsarbeit. „Im Grunde wurde es zehn Jahre lang versäumt, konsequent und mit den richtigen Inhalten junge deutsche Spieler an die Weltklasse heranzuführen und für die deutsche Nationalmannschaft auszubilden“, schreibt er. Dabei mangele es nicht an Talenten, sondern an der Förderung auf höchstem Niveau. Als Beispiel nennt er die U21-Europameister von 2017, 2019 und 2021, von denen nur wenige den Sprung in die A-Nationalmannschaft geschafft hätten. So gehörten von der U21-EM-Mannschaft 2021 lediglich Florian Wirtz, Nico Schlotterbeck und David Raum zum WM-Kader 2026, während Ridle Baku trotz starker Leistungen nicht nominiert wurde.
Auch die jüngere U21-Generation, die 2025 im EM-Finale gegen England unterlag, sei kaum berücksichtigt worden. Julian Nagelsmann nahm nur Nathaniel Brown und Nick Woltemade mit zur WM. Woltemade, der in der Qualifikation vier Tore erzielte, kam in der Vorrunde jedoch zu keinem Einsatz und wurde erst spät im Spiel gegen Paraguay eingewechselt. Matthäus fragt: „Was war zum Beispiel aus dem 2025er-Nachwuchs mit Weiper, Gruda, Arrey-Mbi oder Nebel? Warum spielten sie in den Überlegungen offenbar überhaupt keine Rolle?“
Mut zur Jugend gefordert
Der 65-Jährige kritisiert, dass Nagelsmann auf vielversprechende Talente wie Tom Bischof (FC Bayern) und Nicolò Tresoldi (FC Brügge) verzichtete. Bischof hatte eine starke Saison in München, Tresoldi wurde mit 13 Toren Torschützenkönig in Belgien. „Ich finde, ein Bundestrainer muss auch perspektivisch denken und nominieren – erst recht, wenn er einen Vertrag bis 2028 hat!“, so Matthäus. Er erinnert an seine eigene Karriere: „Zu früh kann man nicht Weltmeister werden oder Europameister. Als ich beim EM-Titel 1980 zum ersten Mal bei einem großen Turnier dabei war, war ich 19 Jahre alt.“
Matthäus fordert mehr Mut zur Jugend, um das Leistungsniveau zu steigern. Starke junge Spieler setzten die Etablierten unter Druck und verbesserten die Qualität des Kaders. Er betont jedoch, dass er nicht die jüngste Nationalmannschaft aller Zeiten fordere. Erfahrene Spieler wie Joshua Kimmich, Jonathan Tah oder Nico Schlotterbeck blieben weiterhin wichtig, ebenso wie Florian Wirtz und Jamal Musiala. Daneben müssten aber neue Namen wie Jeltsch (VfB Stuttgart), Ramsak (RB Leipzig), Bisseck (Inter Mailand), Schade (FC Brentford), Licina (Juventus Turin) sowie Bischof, Tresoldi und der erst 16-jährige Kenneth Eichhorn Chancen erhalten.
Talente an andere Nationen verloren
Ein weiteres Problem sieht Matthäus im Verlust von Talenten an andere Nationalmannschaften. Bei der WM 2026 spielten Ibrahim Maza für Algerien, Paul Wanner für Österreich, Kenan Yildiz für die Türkei und Ismail Jakobs für den Senegal – alles ehemalige deutsche U-Nationalspieler. „Auch an dieser Stelle geht uns bislang sehr viel Qualität verloren“, beklagt Matthäus. Er fordert eine bessere Integration und Perspektive für diese Spieler im DFB-Team.
Die hohe Anzahl ausländischer Profis auf Schlüsselpositionen in der Bundesliga führe zudem dazu, dass es an Führungsspielern mit Erfahrung auf höchstem Niveau fehle. Kimmich habe diese Qualität, sei aber bei der WM als rechter Verteidiger auf falscher Position eingesetzt worden. Leon Goretzka hätte führen können, spielte aber keine Rolle. Felix Nmecha habe das Potenzial, in eine Führungsrolle hineinzuwachsen.
Reform der Ausbildung und Philosophie
Matthäus kritisiert auch die Ausbildung in den Vereinen, von den Profiklubs bis zu den Amateurvereinen. „Leistung muss sich wieder lohnen, Kinder wollen sich miteinander vergleichen. Nur so können sie Ehrgeiz entwickeln und besser werden. Nachwuchs-Wettbewerbe ohne Sieger, ohne Punkte – das ist definitiv der falsche Weg!“, schreibt er. Er vermisst spezialisierte Positionen wie Mittelstürmer (Miro Klose) oder Außenverteidiger (Philipp Lahm). „Alle Kinder wollen heute dribbeln, Tore schießen. Aber keiner will mehr Verteidiger sein. Das geht nicht!“ Zudem müsse mehr Zweikampftraining stattfinden, auch bei den Männern. „Nur mit technischer und spielerischer Qualität, aber ohne Robustheit hat man auf Weltklasse-Niveau keine Chance.“
Matthäus plädiert für eine einheitliche Spielphilosophie für alle Nationalmannschaften, die den Talenten den Übergang von der U17 über die U21 in die A-Elf erleichtere. Er ist überzeugt, dass Jürgen Klopp die richtigen Ideen habe und hofft, dass der DFB ihm alle nötigen Befugnisse und Zeit gebe. Als mögliche Mitarbeiter in Klopps Team nennt er Per Mertesacker, der als langjähriger Akademie-Chef des FC Arsenal Erfahrung habe, und Bastian Schweinsteiger. „Eines muss aber allen klar sein, die jetzt eine Aufgabe beim DFB übernehmen: Es wartet Arbeit auf sie, richtig viel Arbeit!“, schließt Matthäus.



