Berlin braucht Bekenntnis zur Kultur als Zukunftskraft
Berlin braucht Bekenntnis zur Kultur

Berlin muss sich zu seiner Kultur als zentralem Standortfaktor bekennen, fordern zwei ehemalige Kulturverantwortliche in einem Gastbeitrag. Der CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers erwähne die Kultur mit keinem Wort, obwohl sie Identität, Wirtschaftsfaktor und internationales Aushängeschild sei. Es gehe um die Zukunft Berlins.

Ein zufälliges Treffen und ein fehlendes Bekenntnis

Die Autoren André Schmitz und Dietmar Schwarz trafen sich zufällig auf einer Geburtstagsfeier und sprachen über ein Interview mit Stefan Evers im Tagesspiegel. Beide verbringen die Sommerferien in Berlin. Der ehemalige Opernintendant Schwarz stellte fest, dass der Sommer in Berlin tatsächlich die schönste Zeit sei – sauberer als Paris, wie ein junges Paar aus Paris betonte. Warum also spreche der CDU-Spitzenkandidat von einem „Genörgel“, wenn es so viel gebe, worauf Berlin stolz sein könne?

Kultur als Zukunftskraft: Ein blinder Fleck

Die Autoren achten Stefan Evers dafür, dass er Verantwortung übernommen habe und sich souverän präsentiere. Doch mit keinem Wort werde die Kultur als Zukunftskraft Berlins erwähnt. Dabei mache die unvergleichliche Dichte an Museen, die freie Tanz-, Musik- und Theaterszene, die Opern- und Schauspielhäuser sowie die wissenschaftlichen Einrichtungen die Stadt weltweit einzigartig. Natürlich seien Wohnungsmangel, soziale Ungerechtigkeit oder große Bauvorhaben zentrale Aufgaben, ebenso der Schutz vor Antisemitismus und Gewalt. Doch dem Bürgermeisterkandidaten, der auch Kultursenator ist, hätte einfallen können, dass zu den drei großen Stärken der wirtschaftsarmen Stadt neben Wissenschaft und Startups vor allem Berlins Ruf als Kulturhauptstadt gehöre.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Touristen kommen wegen der Kultur

Angeblich kämen von zehn befragten Touristen sieben wegen des großartigen Kulturangebots an die Spree, so die Autoren. Die Haushaltslage Berlins sei schwierig, doch die Mittel für Kultur – rund 950 Millionen Euro von 45 Milliarden Gesamthaushalt 2026, also etwa 2 Prozent – seien ein überschaubarer Einsatz. 2016 lag der Anteil bei ebenfalls rund 2 Prozent (500 Millionen von 25 Milliarden). Jedes erfolgreiche Unternehmen würde in seine Stärken investieren.

Einschnitte und verpasste Chancen

Stattdessen hätten Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen in den vergangenen zwei Jahren drastische Einschnitte hinnehmen müssen. Das Ansehen Berlins als Kulturmetropole habe gelitten, auch unter dem unglücklichen Agieren des damaligen Kultursenators Joe Chialo. Berichte unter anderem in der New York Times hätten dem internationalen Ruf geschadet. Die Sanierungsarbeiten für die Komische Oper würden mitten im Bau gestoppt und in die Zukunft gestreckt, was am Ende teurer werde. Die Jahrhundertchance eines neuen Standorts für die Zentral- und Landesbibliothek an der Friedrichstraße im ehemaligen Kaufhaus Lafayette sei ausgeschlagen worden, obwohl der Regierende Bürgermeister sie befürwortet habe – gescheitert am Veto des Finanzsenators, der heute Kultursenator ist.

Kultur blüht trotzdem auf

Umso bemerkenswerter sei, dass die Berliner Kulturlandschaft heute wieder aufblühe. Konzert-, Opern- und Schauspielhäuser seien hervorragend besucht. Die Sorge nach der Pandemie, das Publikum könnte dauerhaft fernbleiben, habe sich nicht bestätigt. Das Bedürfnis nach unmittelbaren künstlerischen Erlebnissen scheine größer denn je. Auch die marode Zentral- und Landesbibliothek habe aktuell 1,5 Millionen Nutzer pro Jahr. Während der Einzelhandel unter dem Internethandel leide, bleibe die Sehnsucht nach Live-Kunst ungebrochen. Die einzigartige Verbindung von Kultur und Wissenschaft sei in dieser Dichte nur hier zu finden.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Investitionen rechnen sich

Erst kürzlich sei in zahlreichen Medien zu lesen gewesen, dass jeder in die Kultur investierte Euro über die Umwegrentabilität rund 3,50 Euro an wirtschaftlicher Wertschöpfung erzeuge. Das sollte Anreiz genug sein, weiter zu investieren. Genau darin liege das „ungeheure Potenzial“, von dem Stefan Evers im Interview spreche. Dieses Potenzial sei längst vorhanden und müsse gepflegt, weiterentwickelt und selbstbewusst in die Welt getragen werden. Wer regieren wolle, solle nicht nur über die Probleme der Stadt sprechen, sondern auch über ihre größte Stärke. Kultur sei kein Luxus, sondern Identität, Wirtschaftsfaktor und internationales Aushängeschild zugleich. Wer das erkenne und entsprechend handle, stärke nicht nur die Kunst, sondern die Zukunft Berlins.