Jens Spahn ist am Samstagmittag mit einem Schreiben an die Mitglieder der Unionsfraktion von seinem Amt als Fraktionsvorsitzender zurückgetreten. Der Brief liegt dem SPIEGEL vor und wird hier im Wortlaut veröffentlicht.
Rücktrittsschreiben von Jens Spahn an die CDU/CSU-Fraktion
„Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich habe die Parteivorsitzenden von CDU und CSU, Friedrich Merz und Markus Söder, darüber informiert, dass ich mit diesem Schreiben an unsere Fraktion von meinem Amt als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurücktrete. Beiden danke ich für das in mich gesetzte Vertrauen.“
Spahn begründet seinen Schritt mit der wachsenden Spannung zwischen seiner privaten Entscheidung, durch Leihmutterschaft eine Familie zu gründen, und den Erwartungen an sein Amt. „Mir ist in den letzten Tagen bewusst geworden, dass mein persönliches Glück, gemeinsam mit meinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu werden, nicht vereinbar ist mit meinem politischen Amt. Denn der Spagat zwischen meiner privaten Entscheidung zu einem Kind durch Leihmutterschaft und der nachvollziehbaren Erwartung an mich als Vorsitzenden unserer Fraktion ist größer geworden, als ich es erwartet hatte.“
Dank an Weggefährten und Appell für menschlichen Ton
In dem Schreiben dankt Spahn besonders Alexander Hoffmann und dem gesamten Fraktionsvorstand für die vertrauensvolle Zusammenarbeit sowie Matthias Miersch für die enge Kooperation, die er als „Stabilitätsanker für die Koalition“ bezeichnet. Er äußert sich auch zur politischen Kultur: „Die zunehmende Unerbittlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung hat mich sehr nachdenklich gemacht. Lasst uns bei aller Klarheit und Entschiedenheit in der Sache immer auch menschlich im Ton bleiben. Denn das zeichnet uns als christlich-demokratische Volksparteien der Mitte aus.“
Abschließend betont Spahn: „Eines ist mir in den letzten Tagen immer klarer geworden: Meine Familie ist mir das Wichtigste. Ich danke Euch allen für die gemeinsame Arbeit in den letzten 14 Monaten und wünsche Euch alles Gute! Euer Jens Spahn.“
Reaktionen und Ausblick
Der Rücktritt erfolgte am 19. Juli 2026, nur 14 Monate nach Spahns Amtsantritt als Fraktionsvorsitzender. Die Debatte um seine private Lebensführung hatte in den vergangenen Tagen an Intensität zugenommen. Spahn war zuvor mehrfach für seine Entscheidung zur Leihmutterschaft kritisiert worden, was er in seinem Schreiben als unvereinbar mit den Erwartungen an sein Amt darstellt. Die Nachfolge im Fraktionsvorsitz ist noch nicht geregelt; interne Gespräche werden in den kommenden Tagen erwartet.



