Zwischen Simson-Nostalgie und Widerstandsfähigkeit
„Ostdeutsche Identität drückt sich für manche junge Menschen über besondere Härte aus“, sagt Elisabeth Kaiser, die Ost-Beauftragte der Bundesregierung, in einem Interview. In verlassenen Landschaften beschwöre die AfD eine neue Identität, was selbst ihr in ihrer Heimatstadt Gera zu schaffen mache.
Kaiser steht auf der Bühne des Kulturhauses Gera und blickt in einen leeren Saal. 1780 Stühle warten darauf, Abend für Abend besetzt zu werden. „Wenn man in Berlin in die Philharmonie geht, ist auch nicht immer alles voll“, tröstet sich die 39-Jährige, als ihr Blick über die beleuchteten, unbesetzten Ränge streift. Das kolossale Kulturhaus, einst für die Werktätigen der ehemaligen DDR-Bezirksstadt erbaut, sucht 36 Jahre nach der Einheit nach einem neuen Sinn – so wie viele Orte und nicht wenige Menschen in ganz Ostdeutschland.
Die Suche nach einer neuen Identität
Was bleibt erhaltenswert aus alten Zeiten? Wie können die neuen Zeiten aussehen in Landstrichen, die über Jahrzehnte von Millionen Menschen verlassen wurden, in der Hoffnung, weiter westlich ihr Glück zu finden? Kaiser muss als Ost-Beauftragte eine Antwort auf eine entscheidende Frage finden: Lohnt es sich heute, hierzubleiben oder gar herzuziehen?
Kaiser ist in Gera aufgewachsen und hat hier im Kultur-Koloss ihren Abiball gefeiert, bevor sie nach Berlin aufbrach, um zu studieren und politische Karriere zu machen. In Gera, längst keine Bezirksstadt mehr und im Vergleich zu Thüringens Vorzeigestädten Erfurt und Jena noch ohne Zukunftserzählung, hat die SPD-Politikerin ihren Wahlkreis und ihren Zweitwohnsitz. Doch mit ihren beiden kleinen Kindern und ihrem Mann lebt sie inzwischen weitgehend im boomenden Potsdam unweit des Machtzentrums Berlin.
Bevölkerungsrückgang und seine Folgen
Gera hat seit dem Umbruch 30 Prozent seiner Einwohnerinnen und Einwohner verloren. „Dass die Jüngeren fehlen und viele Frauen weggegangen sind, das macht etwas mit den Menschen hier“, sagt Kaiser. Die demografische Entwicklung hinterlässt tiefe Spuren in der Stadt und ihrer Umgebung. Leerstand und Verfall prägen das Bild, während die verbliebene Bevölkerung oft mit Perspektivlosigkeit kämpft.
In dieser Situation versuche die AfD, eine neue Identität zu beschwören, die auf vermeintlicher Stärke und Widerstandsfähigkeit basiere. „Ostdeutsche Identität drückt sich für manche junge Menschen über besondere Härte aus“, erklärt Kaiser. Diese Erzählung sei gefährlich, da sie die realen Probleme überdecke und Spaltung vertiefe.
Herausforderungen für die Politik
Kaiser steht vor der schwierigen Aufgabe, den Menschen in Gera und anderen ostdeutschen Regionen eine positive Perspektive zu bieten. Dazu gehöre, die Stärken der Region zu betonen und gleichzeitig die strukturellen Probleme anzugehen. „Es geht darum, den Menschen das Gefühl zu geben, dass es sich lohnt, hier zu bleiben“, so Kaiser.
Die Ost-Beauftragte setzt auf Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Digitalisierung, um die Lebensqualität zu verbessern. Auch die Förderung von Kultur und Ehrenamt sei wichtig, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Doch der Weg sei steinig, und die Erfolge ließen oft auf sich warten.
Abschließend betont Kaiser, dass die Identität Ostdeutschlands nicht auf Verklärung der Vergangenheit oder Abgrenzung beruhen dürfe, sondern auf einer offenen, zukunftsorientierten Haltung. „Wir müssen die Vielfalt und die Potenziale der Region sichtbar machen“, sagt sie. Nur so könne man der AfD und ihren vereinfachenden Antworten etwas entgegensetzen.



