Vier Tage nach der umstrittenen Klub-Abstimmung über die DFB-Reform der Regionalliga reißt die Kritik nicht ab. Nun hat sich Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (64, SPD) erstmals öffentlich zu Wort gemeldet – und geht scharf mit den Fußballverbänden ins Gericht.
Woidke: „Reform scheitert am Egoismus weniger“
Auf Instagram äußerte sich der Regierungschef deutlich: „Die Reform scheitert am Egoismus weniger, weil Eigeninteresse vor Fair Play und Chancengleichheit gestellt wird. Den Preis zahlt vor allem wieder der Fußball-Osten.“ Hintergrund ist die Ablehnung des sogenannten Kompassmodells, das nach 14 Jahren Verhandlungen einen Kompromiss zwischen den Regionalverbänden bieten sollte. Stattdessen stimmten Bayern und der Südwest-Verband dagegen – mit weitreichenden Folgen für die Ostvereine.
Besonders verärgert zeigt sich Woidke über das erneute Scheitern am Veto der Bayern und des Südwest-Verbandes. Die Staatskanzlei in Potsdam betonte, der Ministerpräsident quittiere dies entsprechend. Vor der Abstimmung hatte es kurzfristige Änderungen am Konzept gegeben, die von Vereinen wie Chemie Leipzig als „Sabotage“ und „skandalöse Machenschaften“ der Regionalverbände kritisiert wurden.
Westen, Norden und Osten für Kompassmodell – Bayern und Südwesten blockieren
Das Kompassmodell sah vor, die Regionalliga künftig mit vier statt fünf Staffeln zu spielen, die jedes Jahr nach den kürzesten Fahrtstrecken eingeteilt werden. Während der Westen, Norden und Osten dafür stimmten, verweigerten Bayern und der Südwesten die Zustimmung. Besonders bitter: Die Klubs aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland und Hessen votierten mit 27 von 29 Stimmen für das Regionenmodell, das für die Ostklubs weitere Nachteile bringt. Dies sorgte bei Fans für große Enttäuschung.
In den sozialen Netzwerken fordern viele Anhänger drastische Konsequenzen: „Die, die sich weigern, müssten solange die Relegation ausspielen, bis sie‘s selbst merken“, lautet ein häufig geäußerter Kommentar. Bislang müssen der Norden, Bayern und Osten im Rotationsprinzip (zwei von drei Jahren) in die Relegation, während West und Südwest immer direkt aufsteigen. Einige Fans fordern nun, dem Westen, Norden und Osten ein dauerhaftes Aufstiegsrecht zu gewähren und Bayern sowie den Südwesten jede Saison in die Extra-Runde zu schicken – nach dem Motto: „Wer keine Gerechtigkeit will, muss Unfairness am eigenen Leib erfahren.“ Sportpolitisch ist diese Forderung jedoch nicht haltbar.
Klub-Initiative nimmt Bayern in Schutz
Die Debatte ist emotional, aber differenziert zu betrachten. Tommy Haeder (35, Chemnitzer FC) von der Klub-Initiative „Aufstiegsreform“ lobt ausdrücklich die bayerischen Fans und Vereine: „Ich muss die Bayern loben. Mit über 45 Prozent war es ein starker Wert fürs Kompassmodell, wenn man sieht, wie umtriebig uns Dr. Christoph Kern als Verbandspräsident Knüppel zwischen die Beine geworfen hat. Ohne diese hätten wir auch dort mutmaßlich die Mehrheit geholt.“ Haeder dankte explizit den Fußball-Anhängern in Bayern, die den Bayerischen Fußball-Verband (BFV) im letzten Halbjahr ständig öffentlich angegriffen hatten.
Der BFV-Präsident Dr. Christoph Kern möchte vor allem die eigene Regionalliga Bayern erhalten – ein Hauptgrund für die Blockade. Im Südwesten hingegen fand das Kompassmodell kaum Unterstützung: Bis auf zwei Stimmen gab es keine Solidarität im Interesse des gesamten deutschen Fußballs.
DFB soll aktiv werden – Neuendorf kündigt Maßnahmen an
Prof. Harald Lange von der Universität Würzburg kommentiert die Situation: „Man kann auch mal denen auf die Füße treten, die bisher immer vom System profitiert haben, während andere wie der Nordosten besonders litten.“ Der DFB will laut Präsident Bernd Neuendorf nun aktiv werden. Es ist das erste Mal, dass der Dachverband aus seiner Rolle als Vermittler und Mediator in dieser Frage ausbrechen könnte. Nur das dürfte helfen, die Lage zu befrieden und eine gerechte Lösung für alle Regionen zu finden.



