Bevölkerungsschutz in Deutschland: Wie sicher sind wir in Krisenzeiten wirklich?
Wer die aktuellen Nachrichten verfolgt, bekommt den Eindruck einer zunehmend unfriedlicheren Welt. Viele Menschen in Deutschland fragen sich zu Recht: Wie sicher sind wir hierzulande eigentlich? Bilder aus Israel oder der Ukraine, die Menschen in Schutzräumen oder U-Bahnstationen zeigen, lassen auch hierzulande die Frage aufkommen: Wo fänden die Deutschen in einer vergleichbaren Situation Schutz?
Die veränderte Sicherheitslage: Abstrakte oder konkrete Bedrohung?
Die Bundesregierung sieht die Gefährdungslage seit dem Krieg im Nahen Osten als weitgehend unverändert. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach im ZDF von einer weiterhin abstrakten Bedrohung. Allerdings wurden Sicherheitsmaßnahmen für US-amerikanische, israelische und jüdische Einrichtungen in Deutschland erhöht.
Die Grünen-Politikerin Irene Mihalic widerspricht dieser Einschätzung deutlich. Sie betont, dass die Bedrohung durch iranische Nachrichtendienste und deren Verbindungen zur organisierten Kriminalität „noch nie eine abstrakte Gefahr“ gewesen sei, sondern schon immer eine „konkrete Bedrohung für jüdische Menschen und Organisationen“. Auch iranische Oppositionelle seien besonders gefährdet.
Der Terrorismusexperte Peter Neumann, Professor am King's College London, warnte im ZDF vor möglichen Terroranschlägen. Dass Anschlagsversuche intensiviert würden, sei „nicht komplett unrealistisch“. In den vergangenen Jahren wurden Exil-Iraner in Deutschland tatsächlich immer wieder zum Ziel von Ausspähungen und Einschüchterungen.
Russlands Krieg und die Auswirkungen auf Deutschland
Bundeskanzler Friedrich Merz brachte die aktuelle Lage auf eine prägnante Formel: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden“. Seit Februar 2022 ist Deutschland zunehmend zum Ziel hybrider Angriffe geworden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von Russland ausgehen.
Zu diesen Angriffen gehören:
- Sabotageakte mit Brand- oder Sprengvorrichtungen
- Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen
- Ausspähen von Militäranlagen
Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei Drohnenflügen. Laut Bundeskriminalamt hat die Zahl verdächtiger Drohnenflüge über Militäreinrichtungen, Flughäfen, Rüstungsfirmen und Häfen deutlich zugenommen. Während 2021 nur vereinzelte Fälle registriert wurden und 2022 bereits 172 Meldungen vorlagen, waren es im vergangenen Jahr mehr als 1000 solcher Vorfälle.
Militärexperten halten einen direkten militärischen Angriff Russlands auf Deutschland derzeit für wenig wahrscheinlich. Vielmehr befürchten sie, dass es zuerst kleinere Nato-Staaten wie die baltischen Länder treffen könnte.
Die Reaktion der Bundesregierung
Deutschland reagiert auf die veränderte Sicherheitslage mit massiven Investitionen in die Verteidigung. Nach der sogenannten „Zeitenwende“ 2022 wurde ein 100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr bereitgestellt. Diese Investitionen setzen sich in den jährlichen Verteidigungsausgaben fort.
Für das Jahr 2026 sind insgesamt rund 108,2 Milliarden Euro für Verteidigung vorgesehen. Nach Berechnungen des Haushaltsausschusses entspricht dies 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die schwarz-rote Koalition hat zudem Gesetze an die aktuelle Bedrohungslage angepasst.
Ein aktuelles Beispiel ist das Luftsicherheitsgesetz, das so verändert wurde, dass die Bundeswehr Drohnen auch abschießen darf, wenn es die Situation erfordert. Zusätzlich hat das Operationsführungskommando der Bundeswehr als Reaktion auf die „Zeitenwende“ einen geheimen „Operationsplan Deutschland“ erarbeitet, um im Verteidigungsfall zusammen mit zivilen Stellen rasch und geordnet reagieren zu können.
Maßnahmen für den Zivilschutz
Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums betont: „Der Zivilschutz wird mit hoher Priorität weiterentwickelt und an die veränderten Bedrohungslagen angepasst.“ Konkret bedeutet dies verschiedene Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung.
Ein wichtiger Schritt ist das Kritis-Dachgesetz, über das der Bundesrat am Freitag beraten wird. Damit sollen kritische Infrastrukturen wie die Energie- und Wasserversorgung besser geschützt werden. Das Bundesinnenministerium weist darauf hin, dass im Haushaltsjahr 2026 1,3 Milliarden Euro in den Bevölkerungsschutz investiert werden.
Diese Mittel verteilen sich wie folgt:
- Etwa 610 Millionen Euro gehen an das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK)
- 728 Millionen Euro erhält das Technische Hilfswerk (THW)
Mit diesen Geldern sollen unter anderem Warnsysteme ausgebaut, die Notstromversorgung verbessert, der Selbstschutz gestärkt sowie THW-Einsatzfahrzeuge und -Ausstattung finanziert werden.
Die Situation bei öffentlichen Schutzräumen
Die Bundesregierung verfolgt eine klare Strategie: Statt neue Bunker zu bauen, sollen bestehende Keller, U-Bahnhöfe und Tiefgaragen so ertüchtigt werden, dass sie flächendeckend als Schutzräume genutzt werden können. Dies sieht auch ein nationales Schutzraumkonzept vor, dessen Veröffentlichung allerdings noch aussteht.
Laut Bundesinnenministerium kann derzeit kein konkreter Zeitpunkt für die Veröffentlichung genannt werden. Der frühere BBK-Präsident Ralph Tiesler hatte das Konzept für den vergangenen Sommer angekündigt, ist aber seit dem 19. Januar im Ruhestand.
Bekannt ist, dass eine Million Schutzplätze entstehen sollen, in denen die Menschen auch übernachten können. Die aktuelle Situation ist jedoch ernüchternd: In Deutschland gibt es noch 579 öffentliche Schutzräume (von einst 2000) mit theoretisch rund 478.000 Plätzen. Allerdings sind diese Anlagen nicht einsatzbereit und sanierungsbedürftig.
Sie wurden bereits 2007 aufgegeben, weil sie nach dem Ende des Kalten Krieges als überflüssig erachtet wurden. Ein Beispiel für diesen Zustand ist der Tiefbunker Steintorwall in Hamburg, der heute nur noch Museumscharakter hat.
Was die Bevölkerung selbst tun kann
Die Menschen könnten sich theoretisch selbst einen Schutzraum bauen, was allerdings Platz und erhebliche finanzielle Mittel erfordert. Praktikabler ist es, sich zunächst zu informieren und privat Vorsorge zu betreiben.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) veröffentlicht dazu im Internet viele wichtige Informationen. Besonders relevant ist der neu überarbeitete „Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“.
Dieser Ratgeber wird demnächst als Druckdatei an die Kommunen weitergegeben, um die Haushalte damit zu versorgen. Das Interesse an solchen Informationen ist deutlich gewachsen, wie eine BBK-Sprecherin mitteilte. Seit Oktober 2025 wurden bereits mehr als eine Million Druckexemplare des Ratgebers versandt.
Die Bevölkerung kann also aktiv werden, indem sie sich informiert, Vorsorge trifft und die bereitgestellten Ratgeber nutzt. In einer Zeit, in der die Sicherheitslage komplexer geworden ist, wird Eigenverantwortung immer wichtiger.



