Grüne schieben sich knapp vor CDU bei Landtagswahl in Baden-Württemberg
Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg haben sich die Grünen nach einer rasanten Aufholjagd in den letzten Wochen knapp vor die CDU geschoben. Das geht aus den aktuellen Hochrechnungen von ARD und ZDF hervor, die ein äußerst knappes Rennen zwischen den beiden führenden Parteien zeigen. Gleichzeitig verdoppelte die AfD ihr Wahlergebnis und landete auf Platz drei, während die SPD auf ein historisches Tief bei Landtagswahlen bundesweit abstürzte.
Hochrechnungen zeigen knappes Kopf-an-Kopf-Rennen
Den Hochrechnungen zufolge kommen die Grünen auf 31,3 bis 31,4 Prozent, nachdem sie bei der letzten Wahl 2021 noch 32,6 Prozent erreicht hatten. Die CDU liegt mit 29,7 bis 29,9 Prozent knapp dahinter und konnte sich damit deutlich von ihrem Ergebnis von 2021 mit 24,1 Prozent verbessern. Die AfD erhält 18,1 bis 18,2 Prozent und hat damit ihr vorheriges Ergebnis von 9,7 Prozent nahezu verdoppelt. Mit großem Abstand folgt die SPD mit lediglich 5,4 bis 5,5 Prozent, nachdem sie 2021 noch 11,0 Prozent erreicht hatte.
Die FDP kommt auf 4,3 bis 4,4 Prozent und die Linke ebenfalls auf 4,3 bis 4,4 Prozent, womit beide Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern und nicht im neuen Landtag vertreten sein werden. In der Sitzverteilung erhalten die Grünen laut Hochrechnungen 44 bis 57 Sitze, die CDU 42 bis 54 Sitze, die AfD 26 bis 33 Mandate und die SPD lediglich 8 bis 10 Sitze.
Özdemir bietet CDU Zusammenarbeit an
Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir rief die Christdemokraten noch am Wahlabend zu einer erneuten Zusammenarbeit auf und bot ihnen eine "Partnerschaft auf Augenhöhe" an. "Der Maßstab sollten die letzten zehn Jahre sein und die Erfolge, die wir eingefahren haben", erklärte Özdemir. CDU-Landeschef Manuel Hagel reagierte mit den Worten: "Wenn sich dieses Wahlergebnis so bewahrheitet, dann liegt der Regierungsauftrag bei den Grünen." Hagel schloss zudem kategorisch aus, sich mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen war nach 15 Jahren im Amt nicht mehr angetreten. Der 77-Jährige, bundesweit der erste und einzige Regierungschef der Grünen, verabschiedet sich damit in den Ruhestand. Seit 2016 regierte er mit der CDU, davor mit der SPD. Grünen-Bundeschef Felix Banaszak nannte das starke Grünen-Ergebnis auch eine Ansage an Kanzler Friedrich Merz und dessen politische "Orientierungslosigkeit".
Historisches Tief für die SPD
Das historisch schlechte SPD-Ergebnis im Südwesten schockt auch die Bundes-SPD, wo Parteichef Lars Klingbeil mit den Koalitionspartnern CDU und CSU wichtige Reformen im Renten- und Gesundheitssystem vor der Brust hat. Klingbeil zeigte sich tief enttäuscht über das schlechte Abschneiden. "Das ist ein total bitterer Abend", sagte er im ZDF. Es sei nur noch um die Frage gegangen: Cem Özdemir oder Manuel Hagel? Das habe am Ende auch der SPD Stimmen gekostet.
SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch zog Konsequenzen aus dem schwachen Abschneiden seiner Partei und kündigte seinen Rückzug als Landes- und Fraktionschef an. Stoch war im Wahlkampf in die Kritik geraten, nachdem in einem SWR-Porträt zu sehen war, dass er ausgerechnet nach einem Besuch in einem Laden der Tafel seinem Fahrer offenbar auftrug, im benachbarten Frankreich Pastete einzukaufen.
AfD wird zur drittstärksten Kraft
Die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier wird vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet; keine der übrigen Parteien will mit der AfD koalieren. AfD-Bundeschef Tino Chrupalla sagte im ZDF, seine Partei sei der Gewinner des Abends. "Wir sind jetzt auch in Baden-Württemberg eine Volkspartei."
Die im Südwesten tief verwurzelte FDP zog mit Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke ins Rennen. Er sprach im Wahlkampf von der "Mutter aller Wahlen" für seine Partei. Dass sie nun in Baden-Württemberg nicht mehr im Landtag sitzen, dürfte auch ein Comeback im Bund erschweren. FDP-Chef Christian Dürr sieht aber noch Chancen: Nach der vergangenen Bundestagswahl sei man "bei Null gestartet".
Neues Wahlrecht und hohe Wahlbeteiligung
Die Wahlbeteiligung liegt den Hochrechnungen nach bei 70,2 bis 70,5 Prozent und liegt damit deutlich über dem Wert von 2021 mit 63,8 Prozent. Gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte konnten ihre Stimme abgeben – so viele wie nie zuvor. Erstmals galt ein neues Wahlrecht, auch 16- und 17-Jährige durften abstimmen. Zudem hatten Bürger zum ersten Mal zwei Stimmen wie bei der Bundestagswahl.
Auftakt für das "Superwahljahr 2026"
Die Wahl in Baden-Württemberg ist die erste von fünf Landtagswahlen im "Superwahljahr 2026" und die erste unter der schwarz-roten Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz. CDU und SPD debattieren über wichtige Reformen, und die Wahlergebnisse sind daher von besonderer Bedeutung für die politische Stimmung im Land. Die nächste Landtagswahl steht am 22. März in Rheinland-Pfalz an, wo der seit 34 Jahren regierenden SPD der Verlust des Ministerpräsidentenpostens droht.



