Letzte Chance für ein uraltes Klimaarchiv
In einem Wettlauf gegen die Zeit haben Wissenschaftler in den Ötztaler Alpen einen außergewöhnlichen Fund gemacht: Sie konnten einen 6000 Jahre alten Eisbohrkern bergen, der älter ist als die berühmte Gletschermumie Ötzi. Doch die Freude über diesen wissenschaftlichen Schatz wird von großer Dringlichkeit überschattet, denn der Gletscher an der Weißseespitze schmilzt in alarmierendem Tempo.
Ein internationales Team im Einsatz
Forscher der Universität Venedig, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), der Universität Innsbruck und der Geosphere Austria arbeiteten gemeinsam an diesem Projekt. An der österreichisch-italienischen Grenze, nur etwa zehn Kilometer Luftlinie vom Fundort des Eismanns Ötzi entfernt, entnahmen sie den wertvollen Bohrkern auf knapp 3500 Metern Höhe.
„Wir sind am letzten Drücker unterwegs, um die Archive zu retten, bevor uns die gespeicherte Information zerrinnt“, warnt Glaziologin Andrea Fischer von der ÖAW in Innsbruck. Die Situation ist dramatisch: Die obersten 370 Jahre des Eises sind bereits unwiederbringlich abgeschmolzen. Seit der Bohrung im Jahr 2019 hat der Gletscher etwa 4,5 Meter Eis verloren, sodass 2025 nur noch ungefähr 5,5 Meter Gesamtdicke verblieben sind.
Ein Fenster in die Vergangenheit
Das Eis fungiert als einzigartiges Klimaarchiv, das über Jahrtausende hinweg Stoffe aus der Luft, Niederschlag und Schnee gespeichert hat. Durch chemische Analysen können die Wissenschaftler sogar bestimmen, aus welchem Ozean der Niederschlag ursprünglich verdunstet ist. Die Daten ermöglichen es, vergangene Klimaveränderungen zu rekonstruieren und Prognosen für den aktuellen Klimawandel zu verbessern.
Man könne am Eisarchiv ablesen, „wie viele Dürreperioden und nasse Perioden es gab und wie lange sie angedauert haben“, erklärt Fischer. Die Probe aus dem Jahr 2019, die knapp zehn Meter tief lag, offenbart auch den Einfluss des Menschen auf die Umwelt.
Spuren menschlicher Aktivitäten
Erstautorin Azzura Spagnesi berichtet von faszinierenden Entdeckungen: „Ab etwa 950 nach Christus treten Spitzenwerte von Arsen, Blei, Kupfer und Silber auf, die mit Phasen intensiver mittelalterlicher Bergbau- und Schmelztätigkeiten in den Alpen und anderen europäischen Regionen übereinstimmen.“
Das Forschungsteam identifizierte zudem:
- Rußspuren von gerodeten Wäldern als Hinweis auf historische Landnutzung
- Organische Säuren
- 18 verschiedene Spurenelemente
Diese Funde liefern wertvolle Einblicke in die Umweltgeschichte und die Auswirkungen menschlicher Zivilisation.
Die tickende Uhr des Klimawandels
Die Situation an der Weißseespitze ist kein Einzelfall. Prognosen zufolge könnten bis 2030 etwa 30 Prozent der Ötztaler Gletscher vollständig verschwinden. Der Gletscher an der Weißseespitze hat seit 2019 bereits die Hälfte seiner Masse eingebüßt – und damit auch die Hälfte der darin gespeicherten klimatischen Daten.
Die Bergung des 6000 Jahre alten Eisbohrkerns stellt daher eine letzte Rettungsaktion dar, um dieses einzigartige Archiv für die Wissenschaft zu bewahren, bevor es für immer verloren geht. Die gewonnenen Daten werden helfen, die komplexen Zusammenhänge des Klimawandels besser zu verstehen und fundierte Vorhersagen für die Zukunft zu treffen.



