Gefährliche Eisbildung: B 305 in Bayern nach Felssturz eingeschränkt befahrbar
Die bei Touristen äußerst beliebte Bundesstraße 305 im bayerischen Ramsau bei Berchtesgaden ist derzeit nur noch halbseitig befahrbar. Grund für diese gravierende Verkehrseinschränkung sind massive Eisvorhänge und herabfallende Gesteinsbrocken, die eine ernsthafte Gefahr für den Verkehr darstellen. Seit vergangener Woche regelt eine Ampelanlage den Verkehrsfluss im betroffenen Bereich am Felsentor, während das Staatliche Bauamt Traunstein nach dauerhaften Lösungen sucht.
Natürlicher Sprengkeil: Frost-Tau-Wechsel lockert Felswand
Johannes Tholler, Abteilungsleiter für Georisiken und Sonderbauweisen am Staatlichen Bauamt Traunstein, erklärt die besorgniserregende Situation: "In diesem Fall haben sich aufgrund des wiederholten Frost-Tau-Wechsels in den letzten Tagen Teile der angrenzenden Felswand gelockert. Es sind bereits Gesteinsbrocken auf die Fahrbahn gefallen." Die Felswand am Ramsauer Felsentor besteht aus stark zerklüftetem Kalk- und Dolomitgestein, das wie ein gigantischer Speicher für Regen- und Schmelzwasser wirkt.
Das Wasser sickert durch feinste Risse tief in den Hang ein und tritt an der steilen Wand über der Bundesstraße wieder aus. Bei Frost dehnt sich das Wasser in den Spalten aus – "das wirkt wie ein natürlicher Sprengkeil", so Tholler. Da ein weiteres Lösen von Gesteinsmaterial derzeit nicht ausgeschlossen werden kann, musste das Bauamt aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht kurzfristig die Ampelregelung einrichten.
Mikroklima der Klamm: Natürliche Frosttasche begünstigt Eisbildung
Dass es genau an dieser Stelle jedes Jahr zu solchen Problemen kommt, ist kein Zufall, sondern dem besonderen Mikroklima der Klamm geschuldet. Der Abschnitt rund um das Felsentor wirkt wie eine natürliche Frosttasche. Kalte Luft ist schwerer als warme und sinkt in die Tiefe der Schlucht. Da die Sonne die engen Felswände im Winter kaum erreicht, bleibt das Eis stabil.
Das Sickerwasser tritt permanent aus dem Fels aus und gefriert Tropfen für Tropfen. So wachsen die Zapfen nicht nur in die Länge, sondern verbreitern sich zu massiven Eisvorhängen, die bedrohlich aus der Wand ragen. Diese spezielle geologische und klimatische Konstellation macht konventionelle Sicherungsmaßnahmen besonders schwierig.
Mühsame Kontrollen und langfristige Lösungsansätze
Die tägliche Kontrolle der Strecke bleibt mühsame Handarbeit. "In den Nacht- und Morgenstunden bildet sich das Eis, während bei Sonneneinstrahlung am Mittag rasches Tauwetter einsetzen kann", erklärt Tholler die dynamische Situation. Diese schnellen Witterungswechsel machen verlässliche Prognosen über das Ende der Sperrung derzeit unmöglich.
Während sich die Verantwortlichen bisher mit punktuellen Maßnahmen behelfen, wird eine langfristige Lösung untersucht. "Die Errichtung einer Schutzgalerie wird von uns aktuell untersucht", bestätigt Tholler. Ein solches Bauwerk würde die Bundesstraße wie ein offener Tunnel vor herabstürzenden Lasten schützen und das winterliche Nadelöhr dauerhaft entschärfen. Bis dahin müssen Autofahrer auf der beliebten Touristenroute Geduld aufbringen und mit Verkehrsbehinderungen rechnen.
Die besondere geologische Beschaffenheit der Felswand stellt auch erfahrene Ingenieure vor Herausforderungen. Herkömmliche Sicherungsmethoden wie Stahlnetze, wie sie von anderen Alpenstraßen bekannt sind, stoßen am Felsentor an ihre Grenzen. Die komplexe Interaktion von Gesteinsstruktur, Wassereintritt und Temperaturschwankungen erfordert spezielle Lösungsansätze, die derzeit intensiv geprüft werden.



