Schüsse peitschen durch das Cockpit: Ein Interflug-Jet als Schauplatz einer tödlichen DDR-Flucht
Berlin-Schönefeld, am Dienstagmorgen des 10. März 1970: Siebzehn Passagiere steigen in eine Antonow An-24 der DDR-Staatsfluglinie Interflug. Es handelt sich um einen kurzen Inlandsflug nach Leipzig, der nicht einmal eine Stunde dauern sollte – eine scheinbar harmlose Routine. Doch an Bord befand sich ein junges Ehepaar mit einem verzweifelten Plan, der die DDR-Führung später in Panik versetzen und die Staatssicherheit zu einer groß angelegten Vertuschungsaktion treiben sollte.
Ein unauffälliges Paar mit einer verborgenen Mission
Schon am Boden fiel Stewardess Monika Heine das Paar auf, allerdings nicht wegen auffälligen Verhaltens. Im Gegenteil, sie erinnerte sich später an „ein sehr hübsches Paar“. Genau diese Normalität macht die Szene heute so beklemmend: In einem System, das Fluchtversuche überall witterte, gelang der Zugriff ausgerechnet auf einem scheinbar naheliegenden Weg. Denn Inlandsflüge wurden 1970 in Schönefeld vergleichsweise locker kontrolliert. Handgepäck, kurze Strecke und die Annahme von „eigenen Leuten“ schufen eine Sicherheitslücke, die Christel und Eckhard Wehage ausnutzten.
Die Vorbereitung: Zwei Makarow-Pistolen im Handgepäck
Eckhard Wehage war Anfang zwanzig und diente als Berufssoldat bei der Volksmarine in Peenemünde an der Ostsee. Er stammte aus einem Elternhaus, das die DDR ablehnte, und hatte bereits Fluchtgeschichte: Als Jugendlicher scheiterte er 1963 zweimal, einmal mit einem Boot und einmal per Zug Richtung Tschechoslowakei. Nach dem zweiten Versuch wurde er wegen „Republikflucht“ verurteilt. Als Soldat hatte er Zugriff auf Waffen und entwendete aus der Waffenkammer seiner Einheit zwei Pistolen vom Typ Makarow samt Munition. Zusammen mit Christel, einer Physiotherapeutin aus Wolmirstedt, reiste er nach Ost-Berlin. Der ursprüngliche Flug am 9. März fiel aus, doch am nächsten Morgen versuchten sie es erneut.
Das Drama entfaltet sich in der Luft
Kurz nach dem Start, als die Maschine den Raum Wittenberg erreichte, begann das Drama. Mit gezogenen Pistolen brachten die Wehages die Kabine unter Kontrolle und wollten den Kurswechsel erzwingen: Ihr Ziel war Hannover in der Bundesrepublik. Ihr Zeitfenster war klein – ein Inlandsflug nach Leipzig dauerte kaum länger als fünfzig Minuten. Das Paar musste währenddessen den Widerstand der Crew brechen, das Cockpit öffnen, den Kurs ändern und durch den DDR-Luftraum kommen. Ein Plan, der schon auf dem Papier wie ein Wettlauf gegen die Zeit wirkte.
Die geheime Reaktion der Besatzung
Im Cockpit hielt sich die Besatzung an die Interflug-Sicherheitsvorschriften: Die Tür blieb verschlossen. Stewardess Monika Heine sendete über die Bordkommunikation einen vereinbarten Notfallhinweis, indem sie einen Namen nannte, der nicht zur Crew gehörte. Für die Piloten war dies das Signal: Gefahr in der Kabine. Dann folgte die entscheidende Wendung: Der Pilot drehte ab und flog zurück nach Schönefeld. Den Entführern wurde zugleich vermittelt, der Treibstoff reiche angeblich nicht bis Hannover. Stattdessen wurde ihnen eine Landung in West-Berlin-Tempelhof in Aussicht gestellt – ein bewusstes Täuschungsmanöver, um Zeit zu gewinnen und die Lage zu deeskalieren.
Schüsse auf die Cockpit-Tür und das Scheitern
Eckhard Wehage versuchte, nach vorn durchzubrechen. Er schoss auf ein Türschloss, öffnete damit aber zunächst nur eine vorgelagerte Tür – der Weg ins Cockpit blieb durch eine weitere Barriere versperrt. Es fielen weitere Schüsse, mindestens ein Projektil traf die Verglasung im Cockpitbereich; der Kommandant wurde nach Stasi-Unterlagen leicht verletzt. Die Cockpit-Tür hielt stand, und damit scheiterte der Kern des Plans: Ohne Zugriff auf die Piloten blieb den Wehages nur die Drohung – gegen Menschen, die sie eigentlich als Geiseln brauchten.
Die tragische Erkenntnis und das Ende
Während die Maschine zum Landeanflug ansetzte, kam der Moment der Erkenntnis. Ein Passagier rief überrascht aus, man sei wieder in Schönefeld. Als die Wehages aus dem Fenster schauten, wurde klar: Tempelhof war nie das Ziel – sie befanden sich noch immer in der DDR. Das Paar ging zurück auf seine Plätze. Dann fielen zwei Schüsse. Christel, dreiundzwanzig Jahre alt, und Eckhard, einundzwanzig Jahre alt, töteten sich selbst – ein Schritt, den sie offenbar eingeplant hatten. In Abschiedsbriefen an die Eltern hatten sie angekündigt, im Falle des Scheiterns aus dem Leben zu scheiden.
Die Vertuschung durch die Staatssicherheit
Dass es eine Entführung gegeben hatte, ließ sich nicht vollständig verbergen – westliche Medien bekamen den Vorfall mit. Doch die DDR-Presse sprach von „Banditen“, und das Motiv „Republikflucht“ wurde unterschlagen. Für die Familien wurde eine „operative Legende“ konstruiert: Offiziell sollten die Eltern als Todesursache einen „tragischen Verkehrsunfall“ angeben. Gleichzeitig lief die Maschinerie der Staatssicherheit an: Postkontrollen, Wohnungsdurchsuchungen, Abhörtechnik und Vernehmungen im Umfeld wurden durchgeführt – sogar die Frage nach möglichen Westkontakten wurde akribisch abgeklopft. Die Stasi wollte nicht nur aufklären, sondern auch verhindern, dass aus der Tat eine Erzählung über Verzweiflung, Unfreiheit und Flucht wurde.
Nachwirkungen und Gedenken
Die Besatzung wurde wenige Wochen später öffentlich ausgezeichnet – Stasi-Minister Erich Mielke überreichte Medaillen und Sachprämien. Passagiere und Crew sollten hingegen über Details schweigen. Selbst die letzte Ruhestätte der Wehages blieb lange anonym, und das Material, das die Stasi anfertigte, verschwand in Akten. Heute, sechsundfünfzig Jahre später, wirkt der Fall wie ein Brennglas auf die DDR-Realität: Zwei junge Menschen, gefangen zwischen Wohnraumlenkung, Berufszuweisung und permanenter Kontrolle, wählten einen radikalen, gewaltsamen Ausweg – und bezahlten ihn mit dem Leben. Der Interflug-Flug nach Leipzig wurde so zu einem der tragischsten Fluchtversuche der DDR-Geschichte.



