Die PCK-Raffinerie in Schwedt in der Uckermark steht vor einer dramatischen Zuspitzung ihrer Lage. Ab dem 1. Mai 2026 wird kein kasachisches Öl mehr über die Drushba-Pipeline in die Raffinerie gelangen. Russland hat die Durchleitung gestoppt – ein Schritt, der weitreichende Folgen für die gesamte Region haben könnte.
Bitumenproduktion bereits deutlich gesunken
Die nackten Zahlen zeigen das Ausmaß des Problems: Im Jahr 2021 produzierte die Raffinerie noch 4.108.450 Tonnen Bitumen. Nach dem Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 fiel die Produktion auf 3.671.646 Tonnen (2022) und weiter auf 3.109.720 Tonnen (2023). In den Jahren 2024 (3.287.531 Tonnen) und 2025 (3.220.159 Tonnen) stabilisierte sich die Produktion laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Christian Görke (Linke) zwar etwas, lag aber weiterhin deutlich unter dem Vorkriegsniveau.
Bauindustrie warnt vor Versorgungsengpässen
Das kasachische Schweröl gilt unter Branchenkennern als „exzellent geeignet“ für die Bitumenproduktion. Fällt dieser Rohstoff weg, steht nicht nur die Raffinerie selbst vor einem massiven Problem, sondern auch die Bauindustrie in Ostdeutschland. Bitumen wird vor allem im Straßenbau und zur Abdichtung von Gebäuden verwendet – es ist wasserabweisend und haftet hervorragend.
„Der Stopp der Durchleitung kasachischen Öls durch Russland hat spürbare Folgen für die Bauwirtschaft in Ostdeutschland. Nach Einschätzung unserer Mitgliedsunternehmen wird es mit großer Wahrscheinlichkeit zumindest kurzfristig zu Versorgungsengpässen bei Bitumen in unserer Region kommen – einem zentralen Baustoff bei der Herstellung von Asphalt für den Straßenbau“, warnt Dr. Robert Momberg, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Ost.
Zwar erfolge die Versorgung nicht ausschließlich über die PCK-Raffinerie, sondern auch über andere Standorte wie Karlsruhe oder Brunsbüttel sowie internationale Lieferketten. Dennoch bleibe Schwedt aufgrund etablierter Strukturen und kurzer Transportwege ein zentraler Baustein. Jede Störung wirke sich unmittelbar auf den Markt aus, so Momberg, der mit seinem Verband die Interessen von 260 Bauunternehmen mit 20.000 Beschäftigten in den Ländern Berlin, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt vertritt.
Preisexplosion und unsichere Lieferbedingungen
Die Lage entlang der gesamten Lieferkette verschärfe sich deutlich. „Unsere Unternehmen berichten von täglichen Mehrkostenanzeigen, aufgekündigten Preisbindungen und zunehmend unsicheren Lieferbedingungen. Verfügbarkeit, Preise und Vertragsgrundlagen sind kaum noch verlässlich kalkulierbar. Parallel dazu ist der Bitumenpreis allein von Februar auf März 2026 um 36,4 Prozent gestiegen – auch infolge der Eskalation im Iran-Konflikt und der angespannten Situation rund um die Straße von Hormus, die für den globalen Öltransport von zentraler Bedeutung ist“, sagt der Hauptgeschäftsführer. Diese Dynamik komme faktisch einer Treib- und Baustoffverknappung gleich.
Folgen für Infrastruktur und Baukosten
Die zusätzliche Unsicherheit rund um Schwedt werde den Handlungsdruck auf den Bund weiter erhöhen, insbesondere bei der Frage nach praxistauglichen Stoffpreisgleitklauseln – sowohl für laufende als auch für zukünftige Projekte. Unternehmen müssten ihre Angebotspreise anpassen oder Risikoaufschläge einkalkulieren, sofern keine Preisgleitklauseln vereinbart worden seien. Momberg weiter: „Das führt zwangsläufig zu steigenden Baukosten und verzögert dringend notwendige Investitionen in Straßenbau und Infrastruktur.“
Zur Verdeutlichung der Bedeutung von Bitumen: Für den Bau von einem Kilometer Bundesautobahn mit zwei Fahrstreifen pro Richtungsfahrbahn werden rund 500 Tonnen Bitumen benötigt.



