Berliner Autorinnen präsentieren in Stavenhagen ihre Bücher zur ostdeutschen Identität
Autorinnen geben Ostdeutschen eine Stimme in Stavenhagen

Berliner Autorinnen geben Ostdeutschen in Stavenhagen eine Stimme

Im Stavenhagener Schloss-Saal herrschte bei der Lesung von Ellen Händler und Uta Mitsching-Viertel eine besondere Atmosphäre der Verbundenheit. Die meisten anwesenden Frauen wussten genau, wovon die beiden Berliner Autorinnen sprachen, als sie aus ihrem Buch Unerhörte Ostfrauen vorlasen. Mit typisch direkter Berliner Schnauze und humorvollen Einlagen brachten sie ihre zentrale Erkenntnis nach Interviews mit 80 ostdeutschen Frauen und Männern auf den Punkt: Ostdeutsche haben eine eigene Identität.

167. Lesung auf bundesweiter Reise

Die Veranstaltung in Stavenhagen markierte die 167. Lesung auf ihrer Reise durch alle Bundesländer. Gastgeber war die Festveranstaltung zum Frauentag, die seit vier Jahren jeden März stattfindet und die Bedeutung der Gleichstellung von Frauen und Männern in Erinnerung ruft. Erwartungen an Frauen seien noch immer tief in gesellschaftlichen Strukturen und Rollenbildern verankert, betonten die Organisatoren. Diese Prägungen beeinflussen Wege, Möglichkeiten und manchmal auch Grenzen im Leben von Frauen.

Umso wichtiger sei es, Frauen sichtbar zu machen – genau das haben Händler und Mitsching-Viertel in ihrem ersten Buch erreicht. Wir wollten den Ostdeutschen damit eine Stimme geben, erklärte Ellen Händler während der Lesung. Beide Autorinnen verbinden mit den Interviewten ihre gemeinsame Lebensgeschichte: 1948 im Osten geboren und aufgewachsen, begannen sie ihre berufliche Laufbahn in der DDR und lernten später den Westen kennen.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Promovierte Expertinnen mit bewegter Biografie

Uta Mitsching-Viertel ist promovierte Politologin und war in verschiedenen Verlagen sowie beim DDR-Fernsehen tätig. Nach der Wende arbeitete sie in der öffentlichen Verwaltung, zuletzt im Bundesfinanzministerium als Gleichstellungsbeauftragte. Ellen Händler ist promovierte Soziologin, die im Ministerrat der DDR arbeitete. Nach der Wende war sie im Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen tätig und engagiert sich seit 30 Jahren als Vorsitzende eines antifaschistischen Vereins.

Ihre Bücher stellen eine einmalige Sammlung von Zeitzeugenberichten dar, betonte Händler. Menschen aus 23 unterschiedlichen Berufsgruppen erzählen darin über ihre Erfahrungen in der DDR und Bundesrepublik. Deutlich werde, dass Frauenbiografien in der DDR keineswegs uniform waren und die Lebenswege nach der Wende ebenso vielfältig verliefen.

Drei Bücher als zeitgeschichtliche Dokumente

Neben Unerhörte Ostfrauen entstand auch das Buch Problem Zone Ostmann?, das völlig unterschiedliche Lebensentwürfe und Lebensläufe von Männern dokumentiert. Inzwischen gibt es ein drittes Werk, in dem die Autorinnen ein Mosaik des typischen Ostseins nachzeichnen – vom Demokratie-, Bildungs- und Arbeitsverständnis im Osten über berufliche Brüche nach der Wende bis zum Familienbild.

Wir zeigen, was die Menschen im Osten besonders macht und auf welche Weise die Erfahrungen im Sozialismus bis heute nachwirken, erklärte Ellen Händler. Sie nennen es eine Streitschrift zur Ostidentität mit dem Titel Die DDR ist nachhal(l)tig. In Stavenhagen fand sich offenbar die eine oder andere Zuhörerin in den Geschichten wieder, wie dem zustimmenden Nicken während der Lesung zu entnehmen war.

Die beiden Berlinerinnen haben mit ihrer Arbeit nicht nur historische Dokumente geschaffen, sondern auch einen Raum für Reflexion und Identitätsfindung geöffnet. Ihre Lesungen zeigen, wie persönliche Geschichten politische und gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln und warum die Frage nach ostdeutscher Identität auch mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung relevant bleibt.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration