Berlin – Einen halben Tag nach der Freisetzung des mehrfach an der deutschen Ostseeküste gestrandeten Buckelwals in der Nordsee sind viele Fragen offen. Die verantwortliche Privatinitiative hatte einen Peilsender in Aussicht gestellt, doch die Daten blieben zunächst aus. Eine Sprecherin des Umweltministeriums in Mecklenburg-Vorpommern erklärte am Mittag, die Peildaten seien mehrfach angefordert worden, lägen aber nicht vor.
Freisetzung als Erfolg bezeichnet
Die Bereederungsgesellschaft des Begleitschiffs „Robin Hood“ wertete die Freisetzung als Erfolg – „trotz der widrigen Umstände und Wetterbedingungen“, wie es in einem Schreiben an die Deutsche Presse-Agentur heißt. Zuvor hatten Teile der Initiative den Ablauf der finalen Momente kritisiert, was sich jedoch nicht unabhängig verifizieren ließ. Die Bereederungsgesellschaft betonte ein abgestimmtes Vorgehen aller Beteiligten.
Kritik am fehlenden Peilsender
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus äußerte sich beim Livestream-Anbieter News5 verärgert: „Was mich wirklich ärgert, ist ausdrücklich: Es war vereinbart, dass uns die Daten übermittelt werden, damit wir ihn auch begleiten können. (...) Uns sind bis heute keine Daten zur Verfügung gestellt worden.“ Zudem sei ein Videosystem auf der Barge vereinbart gewesen, um den Wal durch Tierärzte beobachten zu können – „auch das ist nicht erfolgt“.
Die „Bild“-Zeitung berichtete am Abend von einem sporadischen Signal, was die Initiative offiziell nicht bestätigte. Am Vormittag hatte die Rechtsanwältin der Initiative, Constanze von der Meden, gesagt, es könnten vorerst keine Angaben zur Schwimmrichtung gemacht werden. Die konkreten Probleme blieben unklar.
„Katastrophe“ für die Mission
Der Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter kommentierte: „Wenn sich bewahrheitet, dass der Peilsender keine Daten liefert, wäre das eine Katastrophe, auch für das Rettungsteam. Es gab bisher genug Anlässe, an der Professionalität des Teams zu zweifeln, dies wäre der folgenschwerste.“ Ohne die Daten lasse sich die Mission weder als Erfolg noch als Fehlschlag bewerten.
Die Initiative hatte am Vortag mitgeteilt, ein Sender sei angebracht worden, was unabhängig nicht verifiziert werden konnte. Die Daten sollten nur dem Team und dem Umweltministerium zur Verfügung stehen, wie von der Meden erklärte.
Zustand des Wals unklar
Nach der Freisetzung gab es keine Angaben zum Zustand des Tieres oder wie es von Bord kam. Während des Transports von der Ost- zur Nordsee hatte es starken Wellengang gegeben, der Wal schaukelte im Lastkahn hin und her. Das Absperrnetz war bereits am Freitagnachmittag entfernt worden, doch das Tier blieb in der Barge.
Nach Angaben des Teams war der Wal gegen 9.00 Uhr am Samstagmorgen nicht mehr im Lastkahn. Der Konvoi befand sich etwa 70 Kilometer von Skagen entfernt im Skagerrak. Auf Drohnenbildern von News5 war zeitweise ein Wal im Wasser zu sehen, ob es sich um das freigesetzte Tier handelte, ließ sich nicht bestätigen.
Kritik von Greenpeace
Thilo Maack von Greenpeace sagte: „Der Buckelwal sei in einer der meistbefahrenen Schiffsrouten Europas ausgesetzt worden. Wir können den Wunsch, dem Tier zu helfen, nachvollziehen, schätzen seine Überlebenschancen aber als minimal ein.“ Nur mit Trackingdaten lasse sich transparent machen, ob sich die Rettungsaktion gelohnt habe.
Der vier bis sechs Jahre alte Walbulle war Anfang März erstmals in der Ostsee gesichtet worden. In rund 60 Tagen lag er zwei Drittel der Zeit in Flachwasserzonen, zuletzt vor der Insel Poel. Am Dienstag wurde er in einen Lastkahn bugsiert, der an einen Schlepper gekoppelt Richtung Nordsee startete.
Überlebenschancen ungewiss
Als gerettet gilt der Wal nicht. Nach der langen Liegezeit sei fraglich, ob er noch normal schwimmen und tauchen könne, erklärte Ritter. Auch die Nahrungsaufnahme sei aufgrund von Netzteilen in seinem Maul problematisch. Der Wal sei alles andere als fit.
Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation betonte: „Von einer Rettung kann man erst sprechen, wenn sich der Wal zurück im Nordatlantik befindet und dort langfristig überlebt; sich seine Haut wieder vollständig erholt hat; er wieder eigenständig auf Nahrungssuche geht und an Gewicht zunimmt; und seinem natürlichen Verhalten nachgeht.“
Experten des Deutschen Meeresmuseums warnen, dass das geschwächte Tier gezielt wieder zur Küste schwimmen könnte. In verschiedenen Regionen der Welt sei dokumentiert, dass Großwale bei Erschöpfung flache Küstengewässer aufsuchen.



