Bewegende Gedenkveranstaltung am Pasewalker Bahnhof
Rund 20 Bürgerinnen und Bürger versammelten sich am Bahnhof Pasewalk, um der 13 jüdischen Mitbürger zu gedenken, die am 12. Februar 1940 von diesem Ort aus in den Tod deportiert wurden. An der im Jahr 2025 vom Künstler Gunter Demnig verlegten Stolperschwelle legten die Teilnehmer Blumen nieder und schufen damit einen bewegenden Moment des stillen Gedenkens.
Konkrete Erinnerung an menschliche Schicksale
Marko Schmidt, 1. stellvertretender Bürgermeister von Pasewalk, betonte in seiner Ansprache die Bedeutung der Stolperschwelle: „Diese Schwelle erinnert nicht abstrakt, sondern ganz konkret an Menschen, an individuelle Schicksale und Leben, die grundlos ausgelöscht wurden.“ Er verwies darauf, dass die in den vergangenen Jahren in Pasewalk verlegten 78 Stolpersteine die Erinnerung zurück in den Alltag der Stadt holen und damit eine dauerhafte Präsenz schaffen.
Erinnerung als aktive Verantwortung
Schmidt betonte nachdrücklich, dass Erinnerung nicht nur ein Rückblick in die Vergangenheit sei: „Sie ist zugleich eine bleibende Verantwortung und stellt für unsere Kommune eine dauerhafte Aufgabe dar.“ Die Gedenkkultur verpflichte dazu, sich der Geschichte zu stellen, Verantwortung zu übernehmen und wachsam gegenüber Ausgrenzung, Hass und jeder Form von Menschenfeindlichkeit zu bleiben. Besonders in einer Zeit, in der antisemitische Handlungen und demokratiefeindliche Tendenzen wieder sichtbar würden, sei diese Verantwortung aktueller denn je.
Vergangenheit als Teil der Gegenwart
Museumsleiterin Maria Mischke erinnerte daran, dass sich die Deportation in diesem Jahr zum 86. Mal jährt: „Das klingt nach einer langen Zeit, doch das Geschehene ist nicht vergangen. Es gehört untrennbar zu unserer Geschichte.“ Die damals deportierten Bürger seien Nachbarn gewesen – Menschen mit Familien, Berufen und eigenen Erinnerungen an diese Stadt. Das Erinnern bedeute, die Würde derer zu achten, denen sie genommen werden sollte, und sich zu fragen, welche Konsequenzen dies für das heutige Handeln habe.
Mischke betonte einen wichtigen Aspekt: „Unrecht beginnt nicht erst mit offener Gewalt. Es beginnt dort, wo Menschen herabgesetzt werden, wo aus einem ‚Wir‘ ein ‚Die‘ wird.“ Das Gedenken an die einstigen Mitbürger erfolge zwar in Stille, aber keineswegs in Passivität. Man müsse sich bewusst sein, dass Menschlichkeit niemals selbstverständlich sei, sondern jeden Tag aufs Neue gelebt werden müsse.
Digitale Aufarbeitung und Ausstellungseröffnung
Am Nachmittag des Gedenktages wurde am Pflegeheim St. Spiritus die App „Stolperstein digital“ vorgestellt, die in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, dem Museum der Stadt Pasewalk sowie dem Förderverein des Museums entwickelt wurde. Diese digitale Erweiterung der Erinnerungsarbeit ermöglicht einen vertieften Zugang zu den Biografien der Opfer.
Im Anschluss wurde im Rathaus Pasewalk eine Ausstellung über die einstigen jüdischen Mitbürger der Stadt eröffnet. Die Exposition dokumentiert Lebenswege, Berufe und das Wirken der jüdischen Gemeinde in Pasewalk vor ihrer Zerstörung durch die Nationalsozialisten. Beide Projekte unterstreichen den ganzheitlichen Ansatz der Pasewalker Erinnerungskultur, die traditionelle und moderne Formen des Gedenkens verbindet.
Die Gedenkveranstaltung am Bahnhof und die begleitenden Aktivitäten zeigen, wie eine Kommune ihrer historischen Verantwortung gerecht wird. Durch das konkrete Erinnern an einzelne Schicksale wird Geschichte greifbar gemacht und gleichzeitig eine Brücke in die Gegenwart geschlagen, die zum Handeln auffordert.



