Spritpreis-Schock treibt Vorpommerns Unternehmer nach Polen: Tanken unbezahlbar?
Der Ärger um die exorbitanten Spritpreise in Deutschland reißt nicht ab. Im östlichen Vorpommern weichen immer mehr Handwerker und Unternehmer auf polnische Tankstellen aus, um den finanziellen Belastungen zu entgehen. Während die polnische Regierung die im Zuge des Iran-Krieges gestiegenen Spritpreise für ihre Einwohner drastisch gesenkt hat, verharren Benzin und Diesel in Deutschland auf einem Allzeithoch. Die kurze Fahrt über die Grenze wird für viele Betriebe zur wirtschaftlichen Notwendigkeit.
Hunderte Euro Ersparnis durch Grenzübertritt
Immer mehr Unternehmer in der Region nutzen die geografische Nähe zu Polen, um monatlich hunderte Euro einzusparen. „Wir haben nur zwei Autos und müssen nicht so häufig tanken“, erklärt Dachdeckermeister Andre Sanow aus Löcknitz. Dennoch spare er durch das Tanken an polnischen Tankstellen beträchtliche Summen. „Pro Woche brauchen wir etwa 120 Liter Benzin. In einem Monat kommt da schon etwas zusammen“, so der Handwerker. Die Entfernung von nur etwa zehn Kilometern nehme er dafür gerne in Kauf.
Lediglich die 19 Prozent Mehrwertsteuer auf das Benzin kann er nicht mehr als Betriebsausgabe geltend machen. „Aber durch die niedrigen Preise in Polen lohnt sich das für uns trotzdem“, betont der Unternehmer. Diese Praxis ist auch rechtlich unbedenklich, wie Steuerberaterin Annelie Moll aus Löcknitz bestätigt.
Rechtliche Grundlagen und steuerliche Aspekte
„Grundsätzlich gilt auch bei der Zapfsäule die Möglichkeit einer freien Wahl“, erläutert die Expertin. Sie rechnet damit, dass immer mehr Unternehmer, insbesondere aus den östlichen Teilen Vorpommerns, den Weg an die polnischen Zapfsäulen suchen werden. „Bis jetzt hat das einfach niemand gemacht, weil die 19 Prozent Mehrwertsteuer als Betriebsausgabe gezogen werden konnte“, sagt sie. Angesichts der aktuellen Preisdifferenz lohne sich die Fahrt für viele Betriebe jedoch zunehmend.
Unternehmer kritisieren deutsche Regierung scharf
Ein Inhaber eines Malerbetriebes aus dem südlichen Vorpommern, der anonym bleiben möchte, bestätigt diesen Trend. Mit fünf Fahrzeugen fährt er eigenen Angaben zufolge teilweise einmal pro Woche nach Polen, um dort zu tanken. „Ich spare damit mehrere hundert Euro pro Monat“, berichtet er. Eigentlich wolle er lieber in Deutschland tanken, um Fahrzeiten zu minimieren, aber wirtschaftlich sei das derzeit nicht tragbar.
Die Schuld für diese Situation gibt er der deutschen Regierung und wird dabei deutlich: „Wir sehen ja gerade hier an der Grenze, wie es in anderen Ländern laufen kann“, sagt er und spielt damit auf die polnische Regierung an. „Aber hier in Deutschland wird es seit Wochen gefühlt täglich noch teurer. Das ist für mich einfach nicht verständlich. Unsere Regierung ist einfach unfähig, glaube ich.“
Angesprochen auf die ab Mai geplante Entlastung von bis zu 17 Cent pro Liter, ist der Malermeister skeptisch: „Wenn die Entlastung überhaupt beim Verbraucher ankommt, ist es trotzdem noch viel zu wenig.“ So schnell werde er wohl nicht mehr in Deutschland tanken, prognostiziert er.
Ausblick und regionale Konsequenzen
Die Situation verdeutlicht die wirtschaftlichen Herausforderungen, mit denen Unternehmen in Grenzregionen konfrontiert sind. Während polnische Tankstellen von der Abwanderung deutscher Kunden profitieren, stehen deutsche Betriebe vor der Entscheidung zwischen wirtschaftlicher Rationalität und nationaler Loyalität. Die anhaltend hohen Spritpreise könnten langfristig zu weiteren Verlagerungen von Wirtschaftsaktivitäten führen, insbesondere in grenznahen Gebieten.
Für viele Unternehmer in Vorpommern ist die Fahrt nach Polen bereits jetzt keine Ausnahme mehr, sondern ein fester Bestandteil ihrer betrieblichen Kalkulation. Solange die Preisdifferenz zwischen Deutschland und Polen so signifikant bleibt, wird dieser Trend voraussichtlich anhalten und möglicherweise sogar zunehmen.



