Landtagswahl im Ahrtal: Flutopfer rechnen mit SPD-Regierung ab
Insul, Rheinland-Pfalz – Im Juli 2021 verwandelte eine verheerende Flutwelle das idyllische Ahrtal in eine Todeszone. 135 Menschen verloren ihr Leben, Tausende ihre Existenz. Nun, fünf Jahre später, steht Rheinland-Pfalz vor einer historischen Landtagswahl – und die Menschen im Ahrtal könnten den Ausschlag geben.
Die Wunden sind noch immer sichtbar
Friedlich plätschert die Ahr heute durch Dernau, doch die Narben der Katastrophe sind allgegenwärtig. Schlammspuren an Hauswänden, teils bis unters Dach, zeugen von der Gewalt des Wassers. Während einige Gebäude wiederhergestellt wurden, stehen andere weiterhin als Ruinen da – stumme Mahnmale einer Nacht, die das Tal für immer veränderte.
Hedwig Walbröl (72) schiebt ihren Enkel Vincent durch die engen Gassen von Dernau. Ihr Haus wurde bis ins dritte Geschoss geflutet: „Wir saßen oben unterm Dach und haben gebetet, dass wir die Nacht überstehen.“ Die Sanierung verdankt sie ihrer Versicherung, nicht der Politik. Viele Nachbarn warten bis heute auf Hilfe: „Das war ganz viel Geschwätz nach der Flut. Malu Dreyer hat viel kaputt gemacht und sich nie entschuldigt.“ Am Sonntag will sie CDU wählen.
Bürokratie als zweite Katastrophe
Mehr als drei Milliarden Euro Hilfsgelder wurden zugesagt, doch nur ein Bruchteil ist bei den Betroffenen angekommen. Dominik Gieler (40, CDU), Bürgermeister von Altenahr, arbeitet noch immer in einer provisorischen Leichtbau-Turnhalle, da das Rathaus nicht saniert ist. „Unsere Bürokratie ist die Katastrophe nach der Katastrophe“, klagt er. Für Brücken, die am gleichen Standort wiederaufgebaut werden sollen, müssen jahrelange Standortprüfungen durchgeführt werden. Der Wiederaufbau könnte insgesamt 15 Jahre dauern.
Sebastian (44) aus Marienthal hat sein Haus am Ufer auf eigene Kosten saniert und wartet auf Rückzahlung durch die Förderbank ISB. „Wenn wir auf das Land gewartet hätten, wäre der Schlamm heute noch nicht weg“, sagt er. Die entscheidende Hilfe kam von Freiwilligen, nicht vom Staat.
Die politische Abrechnung
Das Winzer-Ehepaar Giesbert (62) und Melanie (55) Ley aus Dernau hat mit der Landesregierung gebrochen: „Die Politiker waren für nette Bildchen da, mehr nicht. Ein Wechsel nach 35 Jahren SPD würde uns guttun.“ Sie wollen CDU-Kandidat Gordon Schnieder (50) wählen.
Zwei Handwerker äußern anonym, nur noch die AfD könne helfen: „Nicht weil wir rechts sind, sondern weil die anderen doch eh nichts ändern.“ Ingenieur Winfried Donner (72) aus Rech setzt dagegen auf die Grünen als „das geringste Übel“.
Entscheidung am Wahltag
Eine Partei bekam in den Gesprächen wenig Gegenliebe: die SPD von Ministerpräsident Alexander Schweitzer (52). Obwohl das Ahrtal auch vor der Flut keine rote Hochburg war, könnten die Zehntausenden enttäuschten Wählerinnen und Wähler im Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Schweitzer und Schnieder den entscheidenden Ausschlag geben. Ihre Wut über verspätete Hilfen, komplizierte Anträge und das Fehlen einer Entschuldigung von der damaligen Ministerpräsidentin Malu Dreyer könnte die politische Landschaft Rheinland-Pfalz nachhaltig verändern.
Die Menschen im Ahrtal haben nicht nur ihre Häuser, sondern auch ihr Vertrauen in die Politik verloren. Am Sonntag werden sie zeigen, ob sie bereit sind, es der SPD-Regierung zurückzugeben – oder ob die Flutkatastrophe von 2021 das politische Schicksal der Sozialdemokraten in Rheinland-Pfalz besiegelt.



