Wenn der Taschenrechner beim Gemeinwohl nur Minus anzeigt
Nur einmal nicht den Taschenrechner herausholen müssen! Das wünscht sich Frank Klemmer, Themenmanager und Leiter der Lokalredaktion der Mitteldeutschen Zeitung in Halle, in seinem aktuellen Kommentar. Doch die Realität sieht anders aus: Bei jeder Reform, bei jeder Veränderung mit Stichtag scheint er bei den positiven Aspekten durchs Raster zu fallen und bei den negativen mitten hineinzugeraten.
Gesundheitsreformen: Der ewige Kreislauf der großen Versprechen
Gefühlt ständig steht eine Gesundheitsreform an, doch warum sollte die aktuelle Initiative von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) nun der große Wurf sein? Klemmer erinnert sich an ein Gespräch mit einem Krankenhausmanager vor neun Jahren, der damals schon sagte: Jede neue Regierung und jeder neue Minister verkündet, dass jetzt endlich der große Wurf im Gesundheitssystem anstehe. „Jetzt aber wirklich.“
Neun Jahre später stellt der Autor fest: An dieser Dynamik hat sich nichts geändert. Warum also sollte man an die Vernunft hinter den aktuellen Vorschlägen glauben – und dafür im Sinne des großen Ganzen den Taschenrechner ausschalten?
Lehrermangel in Sachsen-Anhalt: Von der Pflicht zur „Bitte, bitte“-Stunde
Die Situation an Sachsens-Anhalts Schulen bleibt angespannt, obwohl es weniger Kinder gibt. Die Personalnot ist real. Die Politik hat auf die Klage von Lehrern bis zum Bundesverwaltungsgericht reagiert – oder besser: reagieren müssen. Das Gericht in Leipzig kassierte im vergangenen Spätsommer die Pflicht-Zusatzstunde für rund 12.500 Lehrer im Bundesland.
Was bleibt? Bildungsminister Jan Riedel (CDU), bis vor einem Jahr noch selbst Schulleiter in Halle, setzt nun auf Freiwilligkeit. Er bittet die Lehrer darum, im neuen Schuljahr mehr zu arbeiten. Früher hätte Klemmer das als vernünftig bezeichnet. Doch heute fragt er: Warum eigentlich? Was bringt es, wenn andere nicht vernünftig sein sollen?
Hausbau in unsicheren Zeiten: Wenn der Krieg die Baupreise treibt
Die Zahl der Baugenehmigungen in Sachsen-Anhalt ist Ende 2025 leicht gestiegen, die Branche ging von einer wirtschaftlichen Erholung aus. Doch Robert Momberg, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Ost, sieht düstere Aussichten. Der Iran-Krieg dürfte auch für Bauunternehmen eine schwere Belastung werden, erwartet werden höhere Baupreise durch steigende Materialkosten.
Steigende Ölpreise, Bauzinsen und politische Kosten – bei all diesen Faktoren zeigt der Taschenrechner nur eines: Minus. Minus. Minus.
Schlagloch-Atlas: Eine kleine Lösung für ein großes Problem
Gibt es denn gar nichts, was man noch tun kann? Gemeinsam im allgemeinen Interesse? Ohne Taschenrechner in der Hand? Die Lokalredaktion in Halle hat es versucht. Nach dem langen kalten Winter zieren zahlreiche Schlaglöcher die Straßen der Stadt. Autofahrer fluchen, aber machen selten offen ihrem Ärger Luft – weil es ja eh nichts bringt.
Die Stadt Halle hat nicht genug Geld, um alle Löcher zu füllen. Also startete die Redaktion eine Aktion: Wir bauen uns einen Schlagloch-Atlas. Mehr als 60 Meldungen von Lesern sind bereits eingegangen. Rote Punkte für neue Schlaglöcher, grüne Punkte, wenn ein Loch geschlossen wurde. Das Schlagloch wird zum Stadtgespräch.
Manchmal reichen die kleinen Dinge. Statt großer Reformen, die oft neue Löcher reißen – und nicht nur auf der Straße –, sollte man gemeinsam genau da hinschauen, wo es wirklich wehtut. Vor allem, wenn man durchfährt.
Ein guter Vorsatz für die neue Woche, findet Klemmer. Bevor man ihn angeht, wünscht er aber zunächst ein erholsames Wochenende – ganz ohne jeden Taschenrechner.



