7.000 Jahre alter Rehgeweih-Kopfschmuck belegt Schamanismus in Mitteldeutschland
Ein neu bewerteter, rund 7.000 Jahre alter Rehgeweih-Kopfschmuck aus der Börde liefert faszinierende Hinweise auf die Tradition des Schamanismus in Mitteldeutschland. Der jungsteinzeitliche Fund stammt aus einer 1987 ausgegrabenen Grube in der Siedlung Eilsleben-Vosswelle und wurde nun von Experten eingehend analysiert.
Parallelen zur Schamanin von Bad Dürrenberg
Die neuen Untersuchungen zeigen überraschende Parallelen zum deutlich älteren Grab der sogenannten Schamanin von Bad Dürrenberg, wie der beteiligte Archäologe Oliver Dietrich erklärt. Das bearbeitete Geweih eines etwa zwei bis drei Jahre alten Rehs weist Schnittspuren auf, die auf eine Häutung hindeuten, sowie beidseitige Kerben, die für eine Befestigung als Kopfschmuck oder Maske sprechen. Eine Radiokarbondatierung ergab ein kalibriertes Alter zwischen 7.291 und 7.034 Jahren.
Herkunft aus der Linienbandkultur
Der Kopfschmuck stammt aus einer Siedlung der Linienband-Keramikkultur, der frühesten bäuerlichen Kultur Mitteleuropas, die ab der Mitte des 6. Jahrtausends vor Christus nach Westen wanderte. Auffällig ist, dass die Siedlung bereits in ihrer frühesten Phase durch Wall, Graben und Zaun befestigt war, was mit ihrer vorgeschobenen Lage am nördlichen Rand der Löss-Zone in Verbindung stehen könnte.
Kontakte zwischen Bauern und Jägern
Mitteldeutschland zählt zu den Regionen, in denen der Übergang zur Sesshaftigkeit besonders deutlich fassbar ist. Während Jäger- und Sammlergruppen von Jagd und pflanzlicher Nahrung lebten, begannen vor etwa 7.500 Jahren sesshafte Bauern mit Ackerbau und Viehzucht. Archäologische Befunde zu Kontakten zwischen beiden Gruppen sind selten, doch der Rehgeweih-Kopfschmuck könnte auf direkte Interaktionen mit steinzeitlichen Ritual- oder Heilkundigen hinweisen.
Bedeutung der Siedlung Eilsleben-Vosswelle
Die Siedlung von Eilsleben-Vosswelle, seit den 1920er Jahren bekannt und zwischen 1974 und 1989 großflächig ausgegraben, gilt als einer der wichtigsten Fundplätze zur Erforschung der frühen Jungsteinzeit in Sachsen-Anhalt. Aktuell finden dort erneut Ausgrabungen statt, die weitere Erkenntnisse versprechen.
Schamanistische Vorstellungen und Ahnenkult
Landesarchäologe Harald Meller betont, dass den Bauern der Linienbandkeramik schamanistische Vorstellungen fremd waren; für sie ist eher Ahnenkult anzunehmen. Es ist vorstellbar, dass man in Situationen, die die eigenen medizinischen Fähigkeiten überstiegen, versuchte, die Fähigkeiten einer Schamanin oder eines Schamanen zu nutzen, die über Kontakte ins Geisterreich und umfassendes Pflanzenwissen verfügten.
Geplante Ausstellung in Halle
Vom 27. März bis 1. November 2026 zeigt das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) die große Sonderausstellung „Die Schamanin“. Neben neuesten Forschungsergebnissen zur Bestattung von Bad Dürrenberg widmet sich die Schau der Mittelsteinzeit als prägender Phase menschlicher Kulturentwicklung. Funde aus Eilsleben-Vosswelle, darunter der bearbeitete Rehgeweih, werden dort präsentiert.



