Medaillentraum endet im bitteren Debakel: Eishockey-Stars legen schonungslose Analyse vor
Mailand • Die Eröffnungsfeier mit Leon Draisaitl als Fahnenträger bleibt in guter Erinnerung, doch der weitere Verlauf des olympischen Eishockey-Turniers wird den deutschen NHL-Stars noch lange schmerzen. Nie zuvor war eine deutsche Eishockey-Auswahl so prominent besetzt wie bei diesen Olympischen Spielen – und doch endete das Viertelfinale gegen die Slowakei in einem deutlichen 2:6 (0:1, 1:3, 1:2).
Das zweite Drittel als tödlicher Wendepunkt
Nach der bitteren Niederlage stapfte Moritz Müller missmutig durch die Katakomben des Mailänder Eishockey-Tempels. Das Spiel, das im Vorfeld als ausgeglichenes Duell gegen den Bronzemedaillengewinner von 2022 galt, entwickelte sich vor allem im zweiten Drittel zum Debakel. „Der Start war ganz ok, im zweiten Drittel haben wir zu viele leichte Tore kassiert“, analysierte der 39-jährige Routinier nüchtern.
Moritz Seider, einer der sieben NHL-Profis im deutschen Aufgebot, formulierte ähnlich: „Nach dem zweiten Gegentreffer haben wir den Faden verloren, dann haben wir es mit der Brechstange versucht und das wird ja nie etwas. Wir sind dann in mega viele Konter reingelaufen.“ Parker Tuomie brachte die entscheidende Phase, in der das DEB-Team drei Gegentore kassierte, noch drastischer auf den Punkt: „Das zweite Drittel hat uns getötet.“
Verpasste Chance trotz günstiger Ausgangslage
Besonders bitter: Nach einer verkorksten Vorrunde mit nur einem Sieg gegen Dänemark (3:1) und Niederlagen gegen Lettland (3:4) sowie die USA (1:5) hatte der Turnierbaum der DEB-Auswahl den vermeintlich leichtesten Weg ins Halbfinale geebnet. Gegen Frankreich und die Slowakei schien eine Medaille plötzlich wieder möglich.
„Man kann nicht jedes Mal erwarten, dass man um Medaillen mitspielt, aber das war eine machbare Aufgabe. Hätte man dem Team diesen Gegner im Viertelfinale vor dem Turnier angeboten, alle hätten es wohl dankend angenommen“, so Seider. Doch die Slowakei erwies sich als zu großer Brocken für die Mannen von Bundestrainer Harold Kreis.
Altbekannte Probleme und fehlende Identität
Die Gründe für das Scheitern sind den Spielern nur zu vertraut. Müller ging direkt in die Analyse: „Uns ist über das komplette Turnier leider nicht gelungen, unser bestes Spiel aufs Eis zu bringen. Ich glaube nicht, dass es das Ergebnis ist, das vor allem schmerzt, aber das Wissen, dass man mehr Potenzial gehabt hätte.“
Deutschland mit sieben NHL-Profis, darunter absolute Weltklassespieler wie Leon Draisaitl, Tim Stützle und Moritz Seider, wirkte nie wie eine geschlossene Einheit. Nico Sturm kritisierte vor allem die defensive Schwäche: „Das war defensiv in allen Spielen viel zu wenig.“ Arbeit und Struktur gingen dem Team im gesamten Turnierverlauf ab. „Wir sind nicht die Nation, die Spiele 6:5 oder 7:5 gewinnt, sondern die Nation, die ein Spiel 2:1 gewinnt und das ist uns komplett abhandengekommen“, so Sturm.
Ex-Kapitän Müller brachte das Kernproblem auf den Punkt: „Wir haben nie unsere Teamidentität als Mannschaft gefunden. Spielen wir hinten rum und kontrollieren die Scheibe oder spielen wir schnell nach vorne. Es war mal das Eine und mal das Andere. Es war hinten zu anfällig und vorne nicht geradlinig genug.“
Superstars verteidigen Einsatz – aber erkennen verpasste Chance
Dass es vor allem am fehlenden Charakter oder Gruppengefühl lag, trat Seider entgegen: „Ich weiß, dass wir in der Kabine alles dafür getan haben, um als gewinnende Mannschaft aufzutreten. Jeder hat alles reingeworfen.“
Superstar Leon Draisaitl fand diplomatische Worte: „Manchmal finden sich Mannschaften früher, manchmal dauert es einfach länger und bei uns hat es eben zu lange gedauert.“ Doch sein abschließendes Urteil fiel deutlich aus: „Das ist eine verbrauchte Chance, die wir nicht genutzt haben.“
An die Zukunft wollte von den Akteuren nach dem schmerzhaften Olympia-Aus noch keiner wirklich denken. Zu sehr nagte die Erkenntnis, dass die historisch bestbesetzte deutsche Eishockey-Auswahl ihr Potenzial nicht abrufen konnte und eine große Chance ungenutzt verstreichen ließ.



